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Mein Leben ohne dich: „Über uns das All“ mit Sandra Hüller

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Träumen statt trauern. Martha (Sandra Hüller) leistet Verdrängungsarbeit und weigert sich, zur Kenntnis zu nehmen, dass ihr Mann nicht mehr lebt. Foto: Real Fiction
Träumen statt trauern. Martha (Sandra Hüller) leistet Verdrängungsarbeit und weigert sich, zur Kenntnis zu nehmen, dass ihr Mann...

Allein die erste Szene. Eine Stimme, im brüchigen Stadium zwischen Junge und Mann, liest auf Englisch über die Liebe. Die Kamera zeigt eine Frau in Weiß, sie hält den Kopf gesenkt wie eine schüchterne Braut beim Ehegelübde. Dann spricht die Stimme ein Wort falsch aus, und die Frau berichtigt ihn, das wird noch ein paar Mal passieren. Erst am Ende der Szene wird offenbar, dass es sich bei dem vermeintlichen Liebespaar um Lehrerin und Schüler handelt, sie vorne am Pult, er hinten im Klassenraum.

Lernen über die Liebe also. Regisseur und Drehbuchautor Jan Schomberg stellt schmerzhafte Fragen in „Über uns das All“. Ob wir wirklich personengebunden und nicht zweckgebunden lieben, ob wir die Abwesenheit von diesem einen Menschen fürchten oder einfach unsere Einsamkeit. Noch etwas ist für Schomburgs Debüt wichtig. Zum Autoren- und Genrekino gesellt sich in Deutschland seit einigen Jahren das Hüller-Kino hinzu. Das sind die Filme, in denen Sandra Hüller mitspielt und den Zuschauer kraft ihrer Darstellung selbst das glauben lässt, was ihm eigentlich missfällt. „Über uns das All“ ist so ein Film.

Sandra Hüller spielt die Lehrerin Martha Sabel. Nach der Englischstunde geht sie nach Hause, begrüßt ihren Mann Paul mit einem Kuss, neckt ihn, alles wie immer, nur ein bisschen fröhlicher, denn Paul hat gute Nachrichten. Der Professor hat seine Promotion als „Meilenstein“ bezeichnet, kurz darauf bekommt Paul eine Stelle als Arzt in Marseille angeboten. Er fährt, Martha will ihm folgen. Erst feiert sie noch Abschied in der Schule. „Bon voyage“, steht an der Tafel, Baguette und Käse sind dazugemalt, eine blonde Frau, aber kein Mann. Und so kommt es auch: Als Martha zu Hause die letzten Spuren des gemeinsamen Lebens aus Waschbecken und Dusche beseitigt, klingeln zwei Polizistinnen, die ihr mitteilen, dass sich Paul in seinem Auto das Leben genommen hat.

Die folgenden Minuten vergisst der Zuschauer so schnell nicht wieder. Angesichts des Unbegreiflichen versagt Marthas Reaktionsvermögen. Sie verharrt in dem, was sie bislang für wahr und wirklich hielt. Paul sei doch gar nicht da, er sei in Marseille, sagt sie, als hätten die Polizistinnen nach ihm gefragt. Sie wählt seine Nummer, spricht ihm auf die Mailbox, wendet sich wieder den Frauen in Uniform zu. Sie sollten sich keine Sorgen machen, das kläre sich bestimmt auf. Als Martha seinen Tod nicht mehr leugnen kann, ruft sie ihn noch einmal an. „Mensch, Paul“, sagt sie, „was machst du denn für Sachen.“ Sie hat ja nichts anderes mehr von ihm als diese Mailbox.

Nach und nach muss Martha zur Kenntnis nehmen, dass nichts von dem, was Paul ihr erzählt hatte, der Wahrheit entsprach, weder die Promotion noch die Stelle in Marseille. Der Weg, den sie einschlägt, bleibt ungewöhnlich. Statt Trauerarbeit leistet sie beharrlich Trauerverweigerung, trifft einen anderen Mann und liebt ihn genau da weiter, wo Paul sie verlassen hat. Wovon so viele träumen, davon gelingt Jan Schomburg eine überraschende Interpretation: „Über uns das All“ erzählt von einer Liebe, die tatsächlich nicht vergeht.

Capitol, Filmtheater am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kant, Neues Off

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