Kultur : Kinowelt: Letzte Leinwand

Gregor Dotzauer

Die Hiobsbotschaften aus dem Münchner Medienkonzern Kinowelt kamen im letzten halben Jahr Schlag auf Schlag. Am 23. März informierte das Unternehmen seine Aktionäre öffentlich über drastisch sinkende Gewinne. Manche Anleger, wird vermutet, wussten schon vorher Bescheid: Unbekannte Anleger stießen rund 2,8 Millionen der am Neuen Markt gehandelten Aktien ab. Seit Juni ermittelt das Bundesaufsichtsamts für den Wertpapierhandel wegen des Verdachts auf Insider-Geschäfte. Den Kapitalmangel haben auch einige der 13 Fußballvereine zu spüren bekommen, die an die Kinowelt-Tochter Sportwelt sämtliche Vermarktungsrechte abgetreten haben. Regionalligisten wie FC Sachsen Leipzig oder Fortuna Düsseldorf beziehen keine Fördergelder mehr. Anfang Juli stellte Kinowelt einen Insolvenzantrag für die Merchandising-Tochter Brameier Fanworld, die eigene Läden unterhält. Vor zwei Wochen schließlich legte der in der Branche angesehene Finanzvorstand Eduard Unzeitig sein Amt nieder: Vorstandschef Michael Kölmel, zusammen mit seinem Bruder Rainer Hauptaktionär der Kinowelt, führt nun die Geschäfte. Die jüngste - und sicher nicht letzte - Nachricht ist die angekündigte Schließung des Verleihs Arthaus, den Kinowelt als Marke für Qualitätskino zu etablieren versuchte.

Dies alles ist eine spannende Wirtschaftsgeschichte, in der vieles zusammenkommt: der Zusammenbruch des Neuen Marktes insgesamt, der auch Filmfirmen wie Senator hart getroffen hat; der Größenwahn zweier in allzu viele Aktivitäten verstrickten Mittelständler; und ein verpatzter Deal mit Warner Brothers. Aus einem Film- und Serienpaket im Umfang von mehr als 500 Millionen Mark haben ARD und ZDF einige Schmuckstücke gekauft. Auf dem Rest bleiben die Kölmels wohl erst recht sitzen: Sowohl die Fernsehsender von Leo Kirch (SAT1, Pro7, Kabel1) wie von Bertelsmann (RTL) haben gegenüber dem unliebsamen Konkurrenten bisher auf ganzer Front gemauert.

Im Fall von Arthaus werden allerdings auch kulturelle Fragen berührt. Es war das Anliegen von Geschäftsführer Jürgen Fabritius, die Lücke zwischen dem Blockbuster-Kino und esoterischer Filmkunst mit Produkten zu schließen, die der zerfallenden Programmkinolandschaft ein neues, an anspruchsvoller Unterhaltung interessiertes Publikum erschließen. Dafür - und für ein finanziell gut ausgestattetes Marketing - schien es an der Zeit zu sein. Das Scheitern eines unabhängigen Verleihs wie Pandora, der 1998 bei Arthaus unterkroch, wurde zurecht als Ende einer Ära interpretiert. Nur die Schuldzuweisung, die Großen würden wieder einmal die Kleinen fressen, traf nicht den Kern der Dinge. Schuld waren - bei einem Stock mit Filmen von Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki und Emir Kusturica - schon damals schleppende Fernsehverkäufe, die in der Regel einen Film zu mehr als der Hälfte refinanzieren müssen. Ohne die Bastionen von arte und dem WDR wäre der Autorenfilm abseits von Festivals am Ende: Dabei bewegte sich Arthaus zwischen Dogma-Filmen, Woody Allen oder Genretrash wie dem "Blair Witch Project" in grundsätzlich populäreren Regionen - eben arthouse-Gefilden, wie das Marktsegment in Amerika heißt.

Für Kulturpessimismus besteht dennoch kein Anlass: Das Gute an der Schließung von Arthaus ist, dass tatsächlich eine marktreinigende Wirkung eintreten wird. Die überhöhten Preise, die Arthaus etwa zuletzt für Dogma-Filme zahlen musste, werden sicher nach unten korrigiert. Damit bekommen auch kleinere Verleiher wieder eine Chance, und Neugründungen sind abzusehen. Denn das Angebot an faszinierenden Filmen ist, wie jedes Festival aufs neue lehrt, ungebrochen. Das Gefährliche ist nur, dass der Untergang als weiterer Beweis gelten wird, dass anspruchsvolleres Kino sich nicht trägt.

Falls Kinowelt die Zahlen auf den Tisch legt, lässt sich der Vorwurf vielleicht ein Stück weit entkräften. Dem Vernehmen nach hat Jürgen Fabritius die von der Kinowelt mit 40 Prozent angesetzte Kinodeckung meistens erreicht: Die Fernsehlizenzen hat die Kinowelt verkauft. Die Einnahmen daraus wurden also nicht Arthaus gutgeschrieben. Arthaus deshalb aus Sanierer-Perspektive als nicht lebensfähig einzustufen, wäre Unsinn. Doch um Vernunft geht es bei der Abwicklung nicht mehr. Entscheidend ist: Wer gibt wann welche Kredite? Es ist nicht auszuschließen, dass dabei auch medienpolitische Interessen der bayrischen Regierung unter dem Einfluss Leo Kirchs eine Rolle spielen.

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