Kultur : Kippenbergers Büro arbeitet noch

CARMELA THIELE

Lange hing dem unangepaßten Künstler der Ruf des Bürgerschrecks an.Heute - bald zwei Jahre nach seinem Tod - reihen immer mehr Fachleute Martin Kippenberger in die Liga führender Künstler ein.Und damit nicht genug: Der 1953 in Dortmund geborene Sohn eines Bergbauingenieurs, dem zu Lebzeiten nur zwei Museums-Einzelausstellungen in Deutschland zuteil wurden (Darmstadt und Mönchengladbach), gilt inzwischen als Wegbereiter der Kunst der 90er Jahre.Dies bestätigen zwei von ihm noch mitgeplante Ausstellungen in der Schweiz: Die Kunsthalle Basel zeigt "Selbstporträts" und das Kunsthaus Zürich unter dem Titel "Kippenberger & Freunde" alle Plakate, Skulpturen und frühe Bilder.

Endlich gibt es wieder Gelegenheit, zu erfahren, wie "Kippi" die letzten heiligen Kühe der hehren Kunst schlachtete und dennoch mit großer Ernsthaftigkeit bei der Sache war.Beispielsweise nutzte er als erster das Plakat als Medium der unmittelbaren Selbstdarstellung.Das begann Ende der siebziger Jahre in Berlin, wo der rastlose Künstler das "Büro Kippenberger" gründete, zu dem auch Gisela Capitain gehörte, die heute Galeristin in Köln ist.Sie erinnert sich an seine "sehr direkte, sehr schnelle Arbeitsweise": Der Idee folgte sofort die Vorbereitung der Druckvorlage und der Gang zum Drucker.Aus diesen Sponti-Aktionen erwuchs das graphische Werk des Künstlers, denn später faßte er die amüsant getexteten Plakate zu Mappen zusammen.Echte Einzelstücke dagegen sind die frühen Veranstaltungsplakate für den von ihm mitorganisierten Punk-Treffpunkt S.O.36.

Diese Form der Selbstorganisation ist heute gang und gäbe: Selbst entworfene Drucksachen (Flyer) sind Teil künstlerischer Arbeit und entstehen oft in Teamarbeit.Auch Kippenberger lud Kollegen ein, Hand anzulegen.Wenn das Kunsthaus Zürich also mehr als 200 Plakate zeigt, dann gewährt das Einblick in den sozialen Kosmos des Künstlers: Nicht nur seine frühen Weggefährten Albert Oehlen und Werner Büttner tauchen auf, sondern auch Clegg & Guttmann, Rosemarie Trockel, Heimo Zobernig, Jeff Koons, Louise Lawler und William Copley haben für Kippenberger ein Plakat entworfen.

Die komprimierte Schau in Zürich zelebriert die Ausstrahlung und Vielseitigkeit Kippenbergers.Deshalb sind Skulpturen der 80er Jahre zu sehen, die laut Kuratorin Bice Curiger "abrechnen mit der unhinterfragten Wertschätzung der Minimal Art".Ein Beispiel ist der "Brummisitz", das Imitat eines gestylten Villeroy & Boch-Klosetts aus blaubemaltem Styropor.Die Plastik demonstriert die assoziative Kontextverschiebung nach allen Seiten, die Kippenberger meisterhaft beherrschte, und sein Gespür für den richtigen Einsatz von Ekeltechniken.

Der Maler, aber auch der einsame Zweifler Kippenberger ist in überwältigender Ausführlichkeit in der Kunsthalle Basel zu sehen.In den Selbstporträts spiegeln sich vier Phasen eines ungewöhnlichen Künstlerlebens: Zu Beginn der 80er Jahre setzt Kippenberger das Selbstporträt zur ironischen Selbststilisierung ein.Er läßt sich beispielsweise von einem Kinoplakatmaler als Großstadt-Cowboy vor dem Schriftzug "30 Jahre DDR" malen.Dann folgt das Gegenteil: Der Mann, der einmal aussah wie der junge Helmut Berger, bemerkt seinen Bauchumfang und bildet den - lediglich bekleidet mit einer weißen Unterhose - in der Pose der Selbstentblößung gnadenlos ab.Zu Beginn der 90er Jahre malt er sich als tragisch-verrückten Clown, denn diese Rolle spielt er mittlerweile in der Kunstszene, die ihn teilweise deswegen hofiert.Und am Ende steht der Medusa-Zyklus, in dem er sich als Schiffbrüchigen darstellt, als Personifikation aussichtsloser Hoffnung.Kippenberger, der glaubte, nie ernsthaft krank werden zu können und dann an Leberkrebs starb, zelebrierte seinen Abschied von der Welt in einer rührenden wie selbstironischen Pose.Wieder verarbeitete er Kunst: Dieses Mal Géricaults berühmtes Bild "Das Floß der Medusa" von 1818/19.

Peter Pakesch, der Leiter der Kunsthalle Basel, stellt gerade dieses Segment des Werks von Kippenberger aus, weil es einen Schlüssel zum Verständnis der sperrigen Szenefigur darstellt.Pakesch zeigte Kippenberger bereits 1984 in Wien in seiner Galerie in der Ballgasse.Wieder schließt sich der Kreis derjenigen, die früh von ihm fasziniert waren.Auch das Kunsthaus Zürich hatte 1987 ein Bild und eine Fotoarbeit des in Deutschland verpönten Künstlers angekauft.Der Künstler David Weiss (von Fischli & Weiss) half jetzt bei der Einrichtung der Schau.Gisela Capitain wurde Nachlaßverwalterin.Das Büro Kippenberger arbeitet noch.

Basel, Kunsthalle, bis 15.November.11.Februar - 25.April 1999 in den Deichtorhallen in Hamburg.Katalog mit Biografie des Künstlers: 20 Franken.Zürich, Kunsthaus, bis 15.November, Werkverzeichnis der Plakate, Offizin Verlag, Zürich und Verlag Walther König, Köln, 59 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben