Kirchengeschichte : Dein wildes, mildes Walten

Wer war Elisabeth von Thüringen? Zum 800. Geburtstag suchen Wartburg und Eisenach mit Feierlichkeiten und Ausstellungen Antworten.

Christina Tillman

Sie hat die Fantasien angeregt wie kaum eine andere – und ist von jeder Zeit kräftig instrumentalisiert worden. Man weiß erstaunlich viel über sie, mehr als über andere Frauengestalten des Mittelalters – doch die Legenden sind noch vielfältiger. Und noch immer malt sich jede Zeit ihre eigene Elisabeth. War sie eine Art Prinzessin Diana des 13. Jahrhunderts, hin- und hergerissen zwischen Liebe und Pflicht, zu früh verheiratet, zu früh gestorben, aufgerieben an einem intriganten Hof? Oder eher eine Mutter Teresa, besessen von der Vorstellung, das Elend der Welt zu mindern? War sie eine sehr frühe Feministin, die sich mit der Rolle der Fürstengattin und Mutter nicht abfinden wollte, und deshalb in Konflikt mit ihrer Umwelt geriet? Oder doch nur ein Spielball der Christianisierung, manipuliert von ehrgeizigen Kirchenleuten, die sehr wohl begriffen hatten, wie sie diese Frau für ihre Zwecke nutzen konnten?

Vor 800 Jahren wurde Elisabeth von Thüringen geboren – und die Feierlichkeiten und Ausstellungen zu ihrem Jubiläum geben Gelegenheit, all diese Fragen noch einmal zu stellen. Denn von der Musicalfigur à la Scarlett O’Hara bis zur Begründerin moderner Krankenhauskultur, von der historischen Fürstentochter bis zur romantischen Kunstfigur des 19. Jahrhunderts ist alles enthalten im Elisabeth-Cocktail, den man zu ihrem Jubiläum allerorts angerührt hat. Die populäre Variante findet man beispielsweise in Eisenach an jeder Ecke, mit Elisabeth-Broten, Rosenmenüs und einer Fülle neuer Erbauungsliteratur. Die seriöse Deutung wird vor allem vertreten durch die Thüringer Landesausstellung auf der Wartburg, die in diesem Jahr der "europäischen Heiligen" Elisabeth gewidmet ist.

Der Ort allein hat das Thema vorgegeben: In der Wartburg hat Elisabeth gelebt, als Kind am Hof des so kultivierten wie machtbewussten Landgrafs Hermann von Thüringen. Und vor allem hier setzte im 19. Jahrhundert ein erneuter Elisabeth-Kult ein, mit der von Moritz von Schwind so naiv wie märchenhaft ausgemalten Elisabethgalerie sowie der Anfang des 20. Jahrhunderts prunkvoll mit Mosaiken ausgestatteten Elisabethkemenate. Was Wunder, dass auch die Ausstellung, die sich über alle Räume der Burg erstreckt, mit einer Fülle "authentischen" Materials aufwartet: mit dem reich verzierten Elisabethpsalter , den sie betend in der Hand gehalten haben könnte, mit dem über die Jahrhunderte durchscheinend gewordenen, fragilen Hochzeitsgewand sowie dem aus grober, dunkler Wolle gewirkten Bußgewand, das sie als Kranken- und Armenpflegerin getragen haben soll. Gar nicht zu reden von diversen Reliquien mit Teilen von Knöcheln, Arm und Rippen, die bezeugen, wie geradezu kannibalisch die frühe Elisabethverehrung vorgegangen ist: Schon ihre Leiche soll von Pilgern geradezu geplündert worden sein.

Und doch ist die Ausstellung, bei allen Authentizitätsbemühungen, weniger Spektakel als eine hoch seriöse Angelegenheit, konzipiert vom Kunsthistoriker Dieter Blume und dem Geschichtswissenschaftler Matthias Werner der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Rund 430 Exponate haben sie zusammengetragen, darunter viele historische Schriftstücke, die den überlieferungsgeschichtlichen Boden bereiten, auch wenn die empfindlichen Seiten im schummrigen Licht für den Besucher kaum zu entziffern sind. Allein von den elf überlieferten Urkunden der überstürzten Heiligsprechung 1235 sind sechs in Eisenach zu sehen, dazu frühe Viten, Lieder und Gebete, die von den Versuchen zeugen, Elisabeth möglichst schnell im christlichen Heiligenkalender zu etablieren. Und wie sich Katholiken wie Protestanten, Franziskaner wie Dominikaner in den folgenden Jahrhunderten vergeblich bemüht haben, Elisabeth in ihr eigenes Glaubenskonzept einzubinden, zählt zu den spannendsten Teilen der Ausstellung.

Ratlosigkeit und Sichklammern an die Objekte

Allein, Dilemma der Überlieferung: Das Bild, das in der Ausstellung entsteht, ist zwar fundierter, aber keineswegs vertrauter. Eine gewisse Ratlosigkeit, ein Sichklammern an die Objekte spricht überall aus der Präsentation. Noch immer bleibt sie ein Rätsel, diese Elisabeth, eine "befremdliche, bestürzende Existenz", wie sie Reinhold Schneider nannte, der in den fünfziger Jahren gerade ihre Widerständigkeit als Qualität las – eine Qualität, die der unter den Nationalsozialisten in innere Emigration zurückgezogene christliche Schriftsteller durchaus mit Hintergedanken rühmt: "Das Reich, in dessen Raum sie allein verstanden werden kann (...), ist untergegangen, unwiederholbar in der bekannten Gestalt, dem Missbrauch ausgeliefert." So viel zu Mittelalterromantik und nationaler Heiligenverehrung, die gerade in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Fülle von Elisabethliteratur hervorbrachte. Hier hätte man – die Ausstellung präsentiert die Nachwirkungen im 19. und 20. Jahrhundert in der ehemaligen Predigerkirche in Eisenach – gerne mehr gewusst.

Denn sehr viel weiter ist man auch heute nicht gekommen. Immer noch malt man sich aus, wie die Vierjährige von Ungarn aus an den thüringischen Hof verschickt wurde, um dort gemeinsam mit ihrem künftigen Ehemann Ludwig erzogen zu werden. Wie sie am Hof mit der Kultur eines Wolfram von Eschenbach, eines Walther von der Vogelweide in Berührung kommt – und sich, noch bevor sie lesen kann, stundenlang in den Psalter vertieft. Wie sie die Armut, die Kriegswehen jener Jahre hautnah erfährt – ihr Schwiegervater, Landgraf Hermann, taktiert zwischen Kaiser und Papst und scheitert zum Schluss. Wie die beiden Fürstenkinder, aufgewachsen wie Geschwister, mit 13 verheiratet werden, mit 15 ist Elisabeth das erste Mal Mutter, mit 20 Witwe, ihr drittes Kind kommt zur Welt, als Ludwig schon tot ist.

Mit Ludwig, der ihre karitativen Tätigkeiten unterstützte, stirbt ihr Beschützer – von seinen Verwandten wird Elisabeth verjagt, gibt ihre Kinder in kirchliche Obhut, übersiedelt nach Marburg, wo sie ihre letzten vier Jahre der Armenpflege widmet. Welche Rolle der Franziskaner Konrad von Marburg, Beichtvater, Vormund und Inquisitor, in ihrem Leben spielt, man weiß es nicht, munkelt von Missbrauch, von Abhängigkeit.

Vielleicht wäre diese finstere Gestalt die eigentlich interessante gewesen, neben der hellen Elisabeth. Doch ob ihre fanatische Mildtätigkeit konsequent gelebtes Christentum oder eigentlich Selbstaufgabe, ja Selbstopferung war, ob es ein glückliches oder gescheitertes kurzes Leben war – wer will das entscheiden. Heilige oder Opfer, Kind ihrer Zeit oder erste moderne Frau? Wie gesagt, jede Zeit malt sich ihre Elisabeth.

Elisabeth von Thüringen. Eine europäische Heilige, Wartburg, Eisenach, bis 19. November. Katalog (Michael Imhof Verlag) 25 Euro, Essayband 35 Euro. Informationen unter www.elisabeth-wartburg.de

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