Kirchentag: Steinmeier trifft Neiman : Vernunft ist eine Gabe

„Informationsflut darf nicht mit Wissen verwechselt werden.“: Frank-Walter Steinmeier diskutiert beim Kirchentag mit der US-Philosophin Susan Neiman.

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Susan Neiman, Hans Leyendecker und Frank Walter Steinmeier bei einer Veranstaltung zum Thema "Verantwortliches Handeln" in der Gegenwart auf dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Berlin, 27.05.2017 Foto: imago/Future Image
Susan Neiman, Hans Leyendecker und Frank Walter Steinmeier bei einer Veranstaltung zum Thema "Verantwortliches Handeln" in der...Foto: imago/Future Image

Es ist ein rutschiges Gelände, wo Glaube und Vernunft sich treffen. Die beiden wollen nicht recht zusammenpassen. Aber man kann lange darüber diskutieren. Nicht, ob die christliche Religion vernünftig sei. Sondern über die Frage, ob und wie der Christ sich im Alltag von Vernunft leiten lässt. Auf dem Kirchentag hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Samstag in Berlin eine Rede gehalten zu dem Thema „Ist die Vernunft noch zu retten?“. Es war ein leidenschaftlicher Auftritt.

Da spricht ein Politiker, kein Theologe. Steinmeier weiß, dass Glaube ohne Vernunft zu Barbarei und Verblendung führen kann. So wie Politik ohne nachprüfbare News die Demokratie zersetzt. Er sieht eine „aggressive Aversion gegen Fakten“ und eine „neue Faszination für das Autoritäre“. Es gebe durchaus Fortschritte in der Welt, doch: Im digitalen Zeitalter, an dessen Anfang wir ja erst stehen, sei das Erbe von Reformation und Aufklärung in Gefahr. Die Ursachen, sagt Steinmeier, lassen sich schwer ergründen. Dabei dürfe man nicht mit Schwarz-Weiß-Erklärungen operieren, nicht austeilen wie jene Politiker, die auf die Ängste der Menschen setzen. Im Internet hat es die Vernunft schwer: „Nur eine Stunde im Netz kann einen Leser zur Verzweiflung bringen.“ All die Häme und die Härte und der Hass – das verändere unsere Gesellschaft. Der Bundespräsident hofft auf Medien, in denen Neugier und Objektivität die journalistischen Tugenden sind: „Informationsflut darf nicht mit Wissen verwechselt werden.“

Neiman berichtet von wachsendem Widerstand gegen Trumps Regierung

In der großen, voll besetzten Messehalle 25 sitzt Steinmeier auf dem Podium mit der Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forums Potsdam. Vernunft ist ihr Arbeitsgebiet. Und mit Hans Leyendecker hat die Runde einen Moderator, der als investigativer Journalist Maßstäbe setzt. Leyendecker wird der nächste Kirchentagspräsident, wenn die Karawane in zwei Jahren in Dortmund ankommt. Leyendecker ist Anhänger von Borussia Dortmund. Am Tag des Fußballpokalendspiels trägt er aber erst einmal nicht den schwarz-gelben BVB-Schal, sondern den orangefarbenen Fanartikel des Kirchentags.

Mit Immanuel Kant verbindet sich der Begriff der Vernunftreligion. Darin steckt aber auch schon die Abschaffung der Religion als letztgültiger Instanz. Der Mensch ist gefragt. Deshalb habe er zwei Augen, sagt Susan Neiman. Ein Auge für die Welt, wie sie ist, und ein Auge für die Welt, wie sie sein sollte. Kant ist für sie ein „erwachsener Idealist“. Die US-Amerikanerin hat in Israel gelebt und kam vor 30 Jahren nach Deutschland. Und natürlich wird die Jüdin nach ihren Erfahrungen hier gefragt und nach Donald Trump.

Gerade aus den Südstaaten zurückgekehrt, berichtet sie von wachsendem Widerstand gegen Trumps Regierung. Die Deutschen, davon ist sie überzeugt, sollen stolz sein auf ihren Umgang mit der eigenen kriminellen Vergangenheit. Ein Veteran der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, James Meredith, habe ihr gesagt, so etwas bräuchten die USA auch. Eine Aufarbeitung der jüngeren Geschichte. Meredith war 1962 der erste afroamerikanische Student an der Universität von Mississippi. Präsident Kennedy schickte Bundestruppen zu seinem Schutz. Vernunft scheint etwas zu sein, woran man glauben kann und wofür man kämpfen muss.

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