Kirsten Boie startet Kinderkrimiserie : Wo die wilden Tiere wohnen

Abenteuer in Südafrika: Kirsten Boie macht den Detektiv Thabo zum Helden einer Kinderkrimiserie

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Wilderer haben dieses Nashorn im Krüger Nationalpark in Südafrika erlegt und das Horn abgesägt.
Wilderer haben dieses Nashorn im Krüger Nationalpark in Südafrika erlegt und das Horn abgesägt.Foto: dpa

In der Wildnis wollen Touristen natürlich vor allem eins sehen: wilde Tiere. Der Lion Park im Königreich Swasiland bietet ihnen genau das, anstrengungsfreie Schnappschuss-Begegnungen mit Giraffen im hohen Elefantengras, Antilopen zwischen Dornbüschen und einer Elefantenherde am Wasserloch, das alles vom sicheren Hochsitz eines Safari-Jeeps aus. „Nach der Löwenfamilie war die Stimmung blendend“, freut sich Thabo, der als Guide mitfährt und schon spekuliert, wie viel Trinkgeld er bekommen wird.

Doch als der Wagen als letzte, besonders gefährliche Attraktion eine Gruppe von Breitmaulnashörnern ansteuert, ist die Stimmung auf einmal nicht mehr blendend. Denn was die Besucher zu sehen bekommen, ist ein grauer Berg in einer Blutlache. Direkt neben ihrem Kind liegt eine tote Nashornmutter. „Irgendwer hatte ihr die Hörner abgesägt. Sie war verblutet.“

Dass Elefanten oder Nashörner abgeschlachtet werden, um ihre Stoßzähne oder Hörner auf dem Schwarzmarkt verkaufen zu können, gehört in den afrikanischen Nationalparks inzwischen zum traurigen Alltag. In Kirsten Boies erstem Roman um „Thabo“, den „Detektiv & Gentleman“, wird daraus eine spannende, überaus amüsante Kriminalgeschichte. Denn der Held Thabo Sonnyboy Shongwe mag zwar sein Alter nicht nennen, weil es für ihn als Gentleman „noch unhöflicher“ wäre, es zu verraten, als bei einem anderen danach zu fragen. Wahrscheinlich ist er zwölf oder 13. Aber zum Lösen von Verbrechensfällen glaubt er sich schon wegen der Miss-Marple-Filme prädestiniert, die er bei seiner Nachbarin Miss Agatha im Fernsehen gesehen hat. Ewiggültige Ermittlungshilfen durfte er dort kennenlernen, etwa: „Ein Indiz ist kein Beweis“.

Leider weisen im Nashorn-Fall zunächst alle Indizien darauf hin, dass Thabos Onkel Vusi, der als Ranger im Lion Park arbeitet, der Täter sein muss. Dummerweise macht Thabo die Polizei überhaupt erst auf die Spuren aufmerksam, die zu seinem Onkel führen, die Stiefelabdrücke am Tatort und den Riss in seiner Sohle. Aber Thabo verfügt über ein gesundes Selbstbewusstsein und ist sich sicher, dass er die Wahrheit ans Licht bringen und Vusi aus dem Gefängnis befreien wird, zusammen mit seinen Freunden, einer minderjährigen Ermittlertruppe, die an „Emil und die Detektive“ erinnert. Gefordert sind von nun an „schnelle Gehirne“.

Thabos erstes Abenteuer als Detektiv.
Thabos erstes Abenteuer als Detektiv.Foto: Oetinger

Thabo mag ein Schwätzer und Großkotz sein, aber er ist auch ein unwiderstehlicher Entertainer. Wie der Ansager seiner eigenen Fernsehshow spricht er immer wieder das Publikum direkt an: „Meine Damen und Herren, was tut man, wenn man einen derart dringenden Hilferuf erhält?“ Die Antwort lautet: Als Leser will man wissen, wie es weitergeht.

Die Kunst der Autorin Kirsten Boie, die schon Bestseller-Reihen wie „Der kleine Ritter Trenk“ oder „Wir Kinder aus dem Möwenweg“ produzierte, zeigt sich darin. wie mühelos sie kurze biologische, geografische, historische Themenblöcke in die Handlung einstreut. Der munter drauflosplaudernde Thabo fungiert dabei gewissermaßen als Fremdenführer. Nilpferde, erfahren die jungen Leser so en passant, greifen nicht an, weil sie Hunger haben, sondern weil sie wütend werden. Und Länder wie Swasiland hoffen jedes Jahr darauf, dass der Regen rechtzeitig fällt.

Wenn westliche Autoren über Afrikaner schreiben, kommen dabei oft kolonialistische oder latent rassistische Klischees heraus. Selbst Michael Ende behauptete, Jim Knopf habe Lokomotivführer werden wollen, „weil dieser Beruf so gut zu seiner Haut passte“. Gemeint waren Ruß und Schmutz der Dampflok. Solche Zuschreibungen fehlen bei Boie, sie lässt ihre Ermittlerbande sogar einen „Chinesen“ verdächtigen, der sich als amerikanischer Spezialagent entpuppt. Aber Afrika, das sich gerade atemberaubend schnell urbanisiert, ist bei ihr noch immer der Kontinent der Löwen und Giraffen. Dabei warten auch in Mbabane oder Kapstadt spannende Fälle.

Kirsten Boie: Thabo: Detektiv und Gentleman – Der Nashorn-Fall. Band 1. Einband und farbige Illustrationen von Maja Bohn. Oetinger, Hamburg 2016. 304 Seiten, 12,99 Euro. Ab zehn Jahren.

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