Kultur : "Kismet": Einsam ist der Wolf

Peter Köhler

"Ein Mann, ein Mord" hieß 1991 der dritte Krimi mit dem deutsch-türkischen Privatdetektiv Kemal Kayankaya in der Hauptrolle. Seither ist viel Blut den Main hinabgeflossen, aber wohl nicht genug; denn weit mehr von dem roten Saft, als die Realität erlaubt, fließt in dem nach zehnjähriger Pause nun erschienenen vierten Kayankaya-Roman "Kismet", der aber genau so gut "Ein Mann, zu viele Morde" heißen könnte.

Filmreif geht es zur Sache: zum Auftakt eine tödliche Schießerei, gleich danach eine abgefackelte Gastwirtschaft, später ein in die Luft gesprengtes Büro, dann zwei mitten in Frankfurt komplett weggebombte Häuser und jede Menge verkohlte Leichen, zum Finale ein regelrechtes Blutbad inkl. Massensterben unter Berufsverbrechern - von allem, was einen harten Kriminalroman ausmacht, hat Jakob Arjounis neuer Reißer alles - und noch ein bisschen mehr.

Es beginnt mit Schutzgelderpressung und weitet sich aus zum Bandenkrieg; am Rande spielt Wirtschaftskriminalität hinein, im Hintergrund steht der Jugoslawienkrieg. Mit Gewalt versucht eine neue Organisation, die sich "Armee der Vernunft" nennt, im Frankfurter Bahnhofsviertel Schutzgelder zu kassieren und die alte Unterweltordnung, in der sich türkische, albanische und deutsche Syndikate die Herrschaft teilen, zu zertrümmern. Kayankayas Versuch, einem befreundeten brasilianischen Kneipenwirt zu helfen, endet tödlich. Eine Spur führt zu einem zwielichtigen Fabrikanten, eine andere in ein Balkan-Restaurant, beide bringen ihn zu einer nach mörderischem Plan operierenden Verbrechertruppe. Wie seit den Tagen von Sam Spade und Philip Marlowe üblich, lebt auch Kayankaya als insgeheim moralischer Einzelkämpfer in einer rauen Welt, in der die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verschwimmen. Anfangs macht er sich denn auch Gewissensbisse wegen der zwei Ganoven, für deren Tod er sich verantwortlich fühlt, muss sich dann aber an schicksalhafte "kriegsähnliche Auseinandersetzungen" gewöhnen, deren Opfer nurmehr "eine graue Masse" sind, wie er es am Ende selber ausdrückt, abgebrüht von all dem Morden. Kismet eben.

Das alles ist effektbewusst konstruiert, wird zügig und schnoddrig erzählt und hat auch sonst alle Elemente des Genres, wie es sich seit den US-amerikanischen Klassikern des Detektivromans gehört: der Mann ein Wolf (und zwar ein einsamer), vielleicht auch ein Hund (nämlich ein armer), kein Geld in der Kasse, aber stets Schnaps in der Flasche; grimmiger Humor, illusionslose Haltung und der treffende Blick auf die Gesellschaft, der in Momentaufnahmen beispielsweise den alltäglichen Fremdenhass vorführt oder auch nur aus einem dreist geparkten Mercedes sarkastisch schließt, dass da jemand "sein Auto so abstellte, als habe Gott am ersten Tag seine Karre geschaffen und dann den Rest als Parkmöglichkeit drum herum". Solche schnellen Sätze, die wie Schüsse aus der Hüfte kommen, sind Arjounis Stärke. Die Sprache ist es, die aus seinem Roman mehr macht, als bloß das Buch als Vorspiel zu einem möglichen Film zu sein. Die witzigen Vergleiche, die eine Beschreibung metaphorisch kühn und doch alltäglich fassbar überhöhen, sind für das Kino im Kopf, nicht auf der Leinwand: "Ihr Gesicht erinnerte an einen dieser kleinen Bistrotische, wenn man zu zweit daran zu Mittag aß. Augen, Nase und Mund schienen sich gegenseitig über den Rand zu drängen."

Das alles ist gut gemacht; gut genug, um mehr als Genre zu bieten. Mag sein, dass Jakob Arjouni der Raymond Chandler der deutschen Krimiliteratur ist und sein Privatschnüffler Kemal Kayankaya der wieder geborene Philip Marlowe. Möglich auch, dass Frankfurt fast so etwas wie Los Angeles ist. Aber vielleicht ist es in diesem Roman zu viel des Guten. Weniger Blut und Terror hieße mehr Realismus, mehr Gegenwart. So ist der Roman, anders als Arjounis frühere, nicht ganz von dieser Welt. Aber vielleicht, das spricht wieder für ihn, ist die Welt auf dem Weg dorthin. Naja, Kismet.

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