Kiss in Berlin : Die längste Zunge der Welt

In der Berliner O2 World folgen Kiss der alten Produzentenweisheit „Eine Show muss mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam steigern“. Die pyrotechnischen Verpuffungen sind beeindruckend, Gene Simmons leckt mit seiner Zunge über die Saiten seines Basses. Wenn nur die Musik nicht wäre.

Christian Schröder
Auf großem Fuß musizieren. Sänger Paul Stanley (r.) und Gitarrist Tommy Thayer bleiben der Plateausohle treu.
Auf großem Fuß musizieren. Sänger Paul Stanley (r.) und Gitarrist Tommy Thayer bleiben der Plateausohle treu.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Die Karriere der amerikanischen Band Kiss ist ein ewiger Mummenschanz. Berühmt geworden sind sie nicht mit ihrer Musik, sondern mit ihren Masken. Hervorgegangen aus einer Bluesrockband, die der Grundschullehrer Gene Klein alias Gene Simmons und der Taxifahrer Stanley Eisen alias Paul Stanley 1972 in New York gegründet hatten, arbeiten Kiss nun bereits seit vierzig Jahren an einem Projekt maximaler, nahezu utopischer Künstlichkeit. Ihr Rollenspiel, das in seiner Konsequenz weder von dem Glamrock-Vampir Alice Cooper noch vom ewigen Chamäleon David Bowie erreicht wurde, ist ein Angriff auf die Annahme, dass es beim Rock’n’Roll um Authentizität gehe. Es geht um Show.
An Kiss ist nicht authentisch oder echt, nicht das Blut, dass Gene Simmons am Ende eines bemerkenswerten Basssolos spuckt, nicht die langen schwarzen, Catweazle-artig hochtoupierten Haare, nicht die bösen Blicke, herrischen Gesten und das breitbeinige Machogitarrengegniedel. Alles Posen. Als sich am Mittwochabend in der mit 10000 Zuschauern dreiviertelvollen Berliner O2 World der Bühnenvorhang mit dem Kiss-Schriftzug inklusive der berühmt-berüchtigten SS-Runen öffnet, kündigt eine Ansagerstimme „the hardest Band in the world“ an. Auch das stimmt nicht. Die härteste Musik der Welt spielen längst andere Bands.
Kiss folgen der alten Produzentenweisheit „Eine Show muss mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam steigern“ und eröffnen das zweistündige Konzert zu ihrem Stampfrockklassiker „Detroit Rock City“ mit Feuerwerksgetöse, Trockeneisnebeln und einem hydraulisch herabschwebenden Schlagzeugpodest. Sieht majestätisch aus und auch ein wenig beängstigend. Anschließend beschleunigen sie langsam das Tempo. Beim Refrain von „Detroit Rock City“, dem Mitmach-Befehl „Everybody’s gonna move their feet / Everybody’s gonna leave their seat“, leckt Gene Simmons zum ersten Mal mit seiner legendären, sehr langen und spitzen Zunge über die Saiten seines Basses.
Nicht Menschen aus Fleisch und Blut stehen hier auf der Bühne, sondern Klone, Mischwesen irgendwo zwischen Reptil, Fledermaus und Sternenkrieger: „The Starchild“ (Rhythmusgitarrist Paul Stanley), „The Demon“ (Bassist Gene Simmons), „The Spaceman“ (Leadgitarrist Tommy Thayer) und „The Catman“ (Drummer Eric Singer). Wenn Paul Stanley und Gene Simmons ihre Ansagen machen, dann sprechen sie in einem kreischenden, superkünstlichen Diventon. Ihr Lieblingswort ist „awesome“, was sich gleichermaßen mit „furchteinflößend“ und „fantastisch“ übersetzen lässt. Oder auch mit „geil“. Berlin: awesome. Die Zuhörer: awesome. Fotografiert werden: awesome. Von der Bühne aus zurückfotografieren: awesome.
Mit dem Versuch, sich zum Kinderschreck zu stilisieren, sind Kiss schnell gescheitert. Denn Kinder waren immer ihre größten Fans, auch in der O2 World sind einige im Publikum. Die übrigen Besucher sind die älter gewordenen Kinder der siebziger und achtziger Jahre, die sich einst Alben wie „Love Gun“ oder „Dynasty“ gekauft haben, weil die Typen auf dem Cover so freaky aussahen. Doch für eine echte Hardrock- oder Heavy-Metal-Band klangen die Kiss-Songs stets etwas zu melodiös und soft.
Bei Stücken wie „Creatures of the Night“. „I Love It Loud“ oder „War Machine“ können auch die martialische Lautstärke und ausufernde, schnell redundant werdende Gitarrensoli nicht darüber hinwegtäuschen, dass es durchschnittliche bis öde Blues-, Boogie- und Rumpelrocknummern sind. Ein Höhepunkt ist erreicht, als Paul Stanley zum Aggrobeat von „Love Gun“ mit einer Art Sessellift über die Köpfe der Zuschauer hinweg zu einer Nebenbühne schwebt, wo er für die Smartphones posiert. Ihren besten und erfolgreichsten Song spielen Kiss dann im Zugabenblock: den von flirrenden Kunstgeigen getragenen, mit "Do, do, do, do, do, do, do"-Backgroundchören begleiteten Disco-Rock-Hybriden "I Was Made For Lovin' You". "There's something that drives me wild / And tonight we're gonna make it all come true / 'Cause girl, you were made for me / And girl I was made for you", barmt Paul Stanley da. Heute Nacht ist eine ganz besondere Nacht. Stimmt genau. Großartige Band. Wenn nur die Musik nicht wäre.

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