Kultur : Kiss Kiss, Bang Bang!

Ein Hexenkessel Buntes: Madonna zeigt bei ihrem Gastspiel in Berlin ein bombastisches Hochleistungsspektakel.

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Foto: Reuters

Die hat Nerven! Besser gesagt, die hat Sehnen, die hat Muskeln, schließlich ist es Madonna, die einen da am Donnerstag in der ausverkauften O2 World brutzeln lässt. Wahrscheinlich muss sie erst noch sichergehen, dass Italien – Home of Papa – fußballtechnisch aus dem Schneider ist, bevor sie endlich auf die Bühne kommt. Dann aber auch gleich mit allem, was ihr heilig ist: Buddhistische Showmönche chanten, ein Riesenweihrauchkrug pendelt über die Bühne, und ein Zombie hängt am Glockenseil. Madonna schießt mit einem schnittigen Maschinengewehr (keine Uzi, das wäre ihr viel zu niedlich) erst die Deko und dann sämtliche muskulösen Tänzer kaputt, die sich ihr in den Weg stellen. Das erste Drittel der „MDNA“-Show wirkt wie ein TarantinoFilm, kostümiert von Modesty Blaise, garniert mit einer Horde Fembots aus „Austin Powers“ und gespickt mit Utensilien einer Dritter-Weltkrieg-Fetischclique.

Puh, was ein blutiges Spektakel! Immer wieder „Die, bitch!“, kiss kiss bang bang, beziehungsweise click click flash flash. Ob sie vorhat, das martialische Gangstatum inklusive „Ich hab die größere Knarre zwischen den Beinen“-Vergleich so zu vereinnahmen, dass die anderen Gangsta-Rapper es gar nicht mehr wagen, anzutreten? Das würde man ihr jedenfalls zutrauen. Frau Ciccone hat schon ganz andere Dinge vereinnahmt, und damit, man muss es ihr unabhängig von Geschmacksfragen zugestehen, auf ihre eigenwillige Art feminisiert: Egal, wie läppisch Musik oder Texte sind, und wie redundant die „Get on the dancefloor“-Beschwörungen – Madonna kennt sich mit den Insignien des selbstbewussten Genderbenderns aus. Sie beweist das beim Berlin-Konzert professionell. Langsam rockt die Show sich an dem, was der Jugendschutz „gewaltverherrlichend“ nennt vorbei zum Fantasybereich, und zu „Papa Don’t Preach“. Ein paar vermummte Ägypt-Indianer kidnappen die Sängerin und verschleppen sie hinter die Bühne. Kostümwechsel. Die Tänzer dürfen derweil ein bisschen seiltanzen, sie dann zurückholen, ihr die Stiefel ausziehen und sie ebenfalls aufs Seil werfen.

Später steht die 53-Jährige – wieder in Highheels – mit Gitarre auf einem Podest, singt „I Don’t Give A *“ und es klingt sogar besser als auf dem lahmen neuen Album, einfach, weil man hier mehr zu gucken hat und die Banalität ihrer Musik durch kolossalen Bombast wie in einer glitzernden Hängematte aufgefangen wird. Für „Express Yourself“ kommt sie endlich in diesem reizenden Funkenmariechen-Kostüm mit den knielangen weißen Stulpen anmarschiert. Und man muss auch mal den Hut vor ihrer Band lüpfen: Sämtliche Musiker und Sänger ziehen sich in einem fort um, wahrscheinlich ist Madonna zu Hause genau so, und wenn man bei einer von ihr veranstalteten Mottoparty nicht entsprechend verkleidet erscheint, dann hängt sie einen im SM-Studio auf und peitscht einem die Gliedmaßen blutig.

Zum Funkenmariechenlook gehören natürlich allerlei Tambourmajoren, manche baumeln sogar trommelnd von der Decke. Und dann tut Frau Ciccone das musikalisch Schlauste, was sie tun kann: Sie mischt in „Express Yourself“ Lady Gagas Zeilen „I’m beautiful this way / ’caus God makes no mistakes / I’m on the right track baby / I was born this way“ hinein, die selbstverständlich hundertprozentig passen, so dass auch der letzte Skeptiker merkt, wer hier von wem abgekupfert hat. Das ist cooler, als sich ständig öffentlich zu beschweren oder mit Plagiatsvorwürfen vor den Kadi zu ziehen. Madonna hat ihre Revanche, die Trommlergarde verzieht sich, es geht ins Exotische: Ein afrikanischer Lederpiratentanz, man kommt eh längst nicht mehr mit, welche Einflüsse aus welchen Kulturen und Religionen sie in ihren metrosexuellen Hexenkessel geworfen und zu einer Art Cirque du Soleil mit Gasmaskenanteil zusammengerührt hat, aber jetzt spricht sie sogar zum Publikum. Bedankt sich, fragt, ob die Fans gute Liebhaber sind, ja, sind sie natürlich, schreien die Fans zurück, und da sagt Madonna doch glatt: „Yeah? Germany does it better?“, du kriegst die Tür nicht zu: Ist das etwa Ironie? Ja kann die das denn auch noch?!

Jedenfalls ist das die Einleitung zum großen Erotikkomplex, der mit Fashion Week-angemessenen schwarz-weißen Vogue-Kostümen beginnt, eins aufregender als das andere, alle Männer in High Heels, alle Frauen mit glänzenden Schenkeln. Vom Song „Vogue“ geht es über den „Candy Shop“ weiter zu „Human Nature“, und als Madonna da so in schwarzer Smokinghose und weißem Hemd die Frauen küsst, freut man sich, dass sie heute lieber butch als bitch ist. Das steht ihr viel besser.

Der Sexakt endet mit einer Walzerversion von „Like A Virgin“, düster vorgetragen in Madonnas tiefstem Timbre, das hohe hat sich ohnehin über die Jahre ziemlich verdünnisiert, und wird von einer der Backgroundsängerinnen synchronisiert. Madonna zeigt ihren „No Fear“-Stempel auf dem Yogarücken, die Menge tobt, und zum letzten Kostümwechsel wird es nochmal ein kleines bisschen aussagekräftig: Eine bunte Collage von Köpfen aus Politik und Gesellschaft, aus Bildern von Kranken, Armen und Schwachen flimmert über die Riesenleinwand, und hey, wieso sollte sie etwas zu Syrien sagen, sie ist doch nicht Bruce Springsteen. Stattdessen greift Madonna tief in die Eso-Kiste, und stellt quasi ein Hare-Rama-Plattencover nach, anschließend gibt es Kung-Fu- Disco und verschlungenes Yogaposieren. Zu „I’m A Sinner“ tanzt sie auf imaginären Zügen durch Pakistan, während Tänzer in Pailletten-Jogginganzügen imaginäres S-Bahn-Surfen betreiben.

Zum Finale kommen alle zusammen und gospeln „Like a Prayer“, angeblich steht Sohn Rocco auch im Chor, ist aber zu weit weg. Und weil Madonna in ihrer langen Karriere stets zwei Botschaften – Liebe UND Party – hatte, wird die zweite auch noch schnell gepostet: In Turnschuhen tanzt und singt sie „Celebration“, bevor alle in die Sommernacht entlassen werden, und man wäre jetzt wirklich gern Tunte und/oder 25, um das genau so zu feiern. Ob Madonna selber jetzt noch eine Sause macht, oder sich eher mit einem Kabbala-Kebab ins geweihräucherte Hotelzimmer zurückzieht, die Muskeln lockert und ihrer Tochter ein bisschen das Twittern verbietet – geschenkt.

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