Kultur : Kissen fürs schlechte Gewissen

Neue Stücke von Martin McDonagh am Deutschen Theater und am Theater 89 Berlin

Günther Grack

„Die einzige Pflicht eines Geschichtenerzählers ist, eine Geschichte zu erzählen.“ Nichts anderes will er getan haben, der Schriftsteller Katurian, der diese seine Überzeugung vertritt bei einem Verhör durch Inspektor Tupolski. Der Inspektor, der seinerseits den Schriftsteller darauf hinweist, er sei Polizeibeamter „in einer autoritären Diktatur“, verhört Katurian wegen des Verdachts, dass seine Geschichten von grausam misshandelten Kindern in einem Zusammenhang mit entsprechenden Verbrechen stehen. Fiktion und Realität – wo verlaufen die Grenzen dazwischen?

Martin McDonagh, 1970 in London als Sohn irischer Eltern geboren, ist als fleißiger Autor von Volksstücken bekannt geworden, die allesamt in Irland spielen. Jetzt hat er Genre und Milieu gewechselt: „The Pillowman“, als deutschsprachige Erstaufführung am selben Abend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin und im Wiener Akademietheater präsentiert, will so etwas wie eine kafkaeske Parabel über das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit sein. Sein schreibender Held Katurian fragt den Polizisten, ob er keine Geschichten über Kindermorde schreiben dürfe, „weil es in der Realität Kindermorde gibt“?

Das Verhör durch Tupolski und dessen brutalen, mit Folterwerkzeugen drohenden Kollegen Ariel bringt ihn jedoch ebenso wie seinen geistig minderbemittelten Bruder Michal bald in Bedrängnis. Die Bullen schütten aus einer Dose fünf blutige Zehen aus, die einem ermordeten kleinen Jungen abgeschnitten worden seien, und wollen den Mord, an dem sich Michal zugegebenermaßen beteiligt habe, Katurian in die Schuhe schieben, genauer: Ariel versucht, ihm die Zehen in den Mund zu stecken. Tupolski hindert ihn daran, sie schlucken zu müssen – sie würden als Beweismittel noch gebraucht.

Im Mittelpunkt dieses Arsenals von erschröcklichen Effekten aus dem Reich der Schauermärchen aber steht die Figur, die dem Spektakulum den Titel gibt. Ein überlebensgroßes Wesen aus weichen Kissen, ein Wunderhelfer für lebensmüde Menschen, die er in ihre Kindheit zurückschrumpfen lässt, um ihrem voraussehbaren Leid vorzeitig ein Ende zu machen – mit bitteren Pillen als vermeintlichen Süßigkeiten und anderen unauffälligen Selbstmordmethoden. Ja, der Kissenmann kann mit dem Material seiner Erscheinung auch zum Mord anstiften. Katurian, der Märchenerzähler, entpuppt sich schließlich als Elternmörder . . .

Land- und Seeluft

Frank Seppeler vertritt die Sache des Literaten aufmüpfig-untertänig; auch Peter Ehrlich als sein Bruder Michal zeigt, sanft-grob, gemischte Gefühle. Effektvoll kontrastierend die beiden Polizeitypen: Sebastian Blomberg als Tupolski ein eleganter Intelligenzler, Timo Dierkes als Ariel mit Schaum vor dem Mund. Die junge Regisseurin Tina Lanik und ihre Ausstatterinnen Magdalena Gut und Su Sigmund haben sich bemüht, die grässlichen Gräuel amüsant herauszuputzen – zweieinhalb allzu lange Stunden lang.

MacDonagh als Heimatdichter der Grünen Insel wird in Berlins „Theater 89“ nun schon in Serie gespielt, jetzt im dritten Teil einer Connemara-Trilogie: „Der einsame Westen“. Und wieder erfrischt die Mischung von Land- und Seeluft - auch wenn sich da plötzlich beißender Qualm bemerkbar macht. Er dringt aus dem Backofen und kommt davon, dass die beiden Brüder, die das Bauernhaus von ihrem Vater geerbt haben, sich nicht grün sind. Coleman, von Valene unterdrückt, rächt sich dafür, indem er die Heiligenfigürchen, die sein Bruder gesammelt hat, bei mittlerer Hitze einschmilzt.

Eine harte Welt, für die der sanfte junge Dorfpriester, von der forschen jungen Postbotin vergebens angehimmelt, nicht gemacht ist. Als Pater Welsh das Geheimnis der Brüder durchschaut – der Unfalltod des Vaters war Mord –, fordert er sie in einem Abschiedsbrief vor dem eigenen Freitod auf, einander ihre Sünden zu beichten und zu vergeben. Das Stück endet in einer grotesken Klimax von Dumme-Jungen-Streichen bis blutigen Eifersuchtsanschlägen. Mörder können in den Himmel kommen, Selbstmörder nicht. Armer Pater!

Regisseur Rudolf Koloc vermag die Balance zwischen den burlesken und den makaberen Seiten auszupendeln. Das dörfliche Postmädchen (Johanna Gast) tritt in Minirock und kniehohen Stiefeln auf wie eine Bordsteinschwalbe von der Straße des 17. Juni; dem Gottesmann allerdings nähert sie sich in schlichterer Kluft. Matthias Zahlbaums Pater hat nah am Wasser gebaut, auch am Feuerwasser, nach dem er mit zitternder Hand greift; Festigkeit gewinnt er, das Gesicht aus der Dunkelheit herausgeleuchtet wie eine Beckett-Figur, erst mit seinem Abschiedsbrief. Bernhard Geffke, ein dümmlich lächelnder Valene, und Herbert Sand, ein dumpf lauernder Coleman, tragen ihren Bruderstreit mit vollem Körpereinsatz aus, Freistilringer in dunklen Anzügen, deren Nähte zu platzen drohen. Mit Vergnügen am guten Sport sieht man ihnen zu, wie sie sich die Hölle schon auf Erden bereiten.

„The Pillowman“, DT-Kammerspiele, 30. 11. sowie 4. und 22. Dez. – „Der einsame Westen“, Theater 89: 22., 23., 27.-30. November.

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