Kultur : Kiste als Kosmos

„Living in a box“, eine Schau bei Mikael Andersen

Simone Reber

In so einer Kiste möchte man auch leben. Sekundenschnell verwandelt sie sich vom Märchenschloss zum Spukhaus, vom Wintergarten zur Piratenkoje. „Living in a box“, der Popsong der achtziger Jahre, liefert das Motto für die vergnügliche Ausstellung der Galerie Mikael Andersen. Die Arbeiten auf Papier zeigen Innenräume als Treibhäuser und Traumorte. Zu entdecken sind dabei vor allem zwei junge Künstler aus Brooklyn, die privat und unbefangen Geschichten erzählen: Eddie Martinez und Shara Hughes.

Martinez, Autodidakt mit lateinamerikanischem Faible für Totenköpfe, ist der Ungehobeltere. Ein Geisterreiter, der sich bedient bei Comics, Science Fiction und Volkskunst. Innenräume können bei ihm von tückischer Harmlosigkeit sein. Da steht die Hausfrau in der Küche, mit weißem Spitzenkragen, die Tischdecke im Vordergrund ist beunruhigend kleinkariert. Aber die Krüge auf der Theke führen ein Eigenleben. Die Quirle treiben exotische Blüten, und in der Topfpflanze regen sich Flamingos. Die Einbildungskraft entscheidet, ob die Küche zum Dschungel und die Liebe zum Schlachtfeld wird.

In der Zeichnung „Love is a battlefield“ droht ein Skelett von den Zinnen seines Burgturms mit dem Schwert. Knochenmänner kämpfen um die Insel mit der Palme. Nur Captain Jack Sparrow behält aus der Ferne den Überblick. Trotz des furchterregenden Personals ist in den Geschichten von Martinez der leise innere Monolog der Surrealisten zu vernehmen. Dieser fragile Kern lässt die äußerliche Rohheit der Arbeiten erst reizvoll erscheinen.

Shara Hughes, Jahrgang 1982, zeigt ihre Innenräume menschenleer. Sie sucht nach den Abdrücken der Bewohner, um daraus Profile zu rekonstruieren. My Chair – der Sessel der Künstlerin – steht ausladend und robust vor einem bunten Flickenteppich in den Florida-Farben von vor 20 Jahren. Sehr souverän begnügt sich Shara Hughes mit Andeutungen: gebauschte Striche für den Vorhang, grüne Punkte für das Laub. Ein prächtiges rundes Bett mit glänzendem Baldachin und herzförmigem Kopfstück zeugt von den Kitschträumen seiner Benutzer. Hughes hat einen kühlen Blick für Unterströmungen, die Sehnsüchte in Strudel verwandeln können. Aufregend bei beiden Künstlern: Sie verfügen über viel Spielraum für Entwicklung – wenn der Markt sie nicht vorher verschluckt.

Deutlich durchgehärtet ist das Werk von Jesper Christiansen. Der Professor an der Royal Danish Academy in Kopenhagen versucht, mit Ordnung und Chaos in die Leere einzugreifen. Wild wuchernde Pflanzen nehmen in einem Bild den Vordergrund ein. Im nächsten sind ihre Äste akkurat gestutzt. Ergebnis des Experiments: Mit der Ordnung wächst die Leere. In der Gegenüberstellung bildet Jesper Christiansen den Ruhepol, an dem der frische Übermut der Jüngeren sicher ankern kann.

Von wegen also „Living in a box“: Diese Kiste ist ein kleiner Kosmos. Simone Reber

Galerie Mikael Andersen, Auguststraße 50 b; bis 26. April, Di.–Sa. 12–18 Uhr.

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