Kultur : Kitsch oder Camp

In Berliner Galerien lauern lindes Pastell und dumpfe Farbsoßen

Peter Herbstreuth

Wenn gleich mehrere Galerien kitschfidele Bilder ausstellen, scheint eine Unbekümmertheit in der Frühlingsluft zu liegen, die die Sinne trübt – zumal es nicht um ironische Aneignungen geht, wie sie von Susi Pop bis Jeff Koons geläufig sind, sondern um Kitsch pur. Die Künstler zeigen Varianten der Erotikfolklore und der Popkultur, als peilten sie auf das Maximalereignis Kunst. Zwar meinen manche, Kunst und Kitsch lassen sich nicht mehr trennen. Doch bis dies irgendwann vielleicht Konsens sein wird, kann man zwischen Gerhard Richter und Bruno Bruni durchaus Unterscheidungen treffen. Kitsch ist die gut gemeinte Überbetonung emotionalen Ausdrucks im Verhältnis zur Banalität inhaltlicher oder performativer Bedeutung. In der Kunst wie in der Politik ist Kitsch von Zynismus schwer zu unterscheiden. Da es Kitschiers aber meistens echt ehrlich meinen, werden ihre Erzeugnisse von Rezensenten freundlich übergangen.

Doch nun häufen sich naive Lifestyle-Referenzen bei Künstlern, die mit Modezitaten jonglieren. Zu ihnen gehört Matthias Bitzer , der in der Galerie Kuttner Siebert eine Werkübersicht vorstellt (Rosa-Luxemburg-Straße 16, bis 8. Mai). Da popkulturelle Bezüge allein keinen Mehrwert durch den Transfer künstlerischer Aneignung erzeugen, arbeiten Cross-Over-Künstler unter erschwerten Bedingungen. Bitzer interessiert sich für das Ornament und zaubert daraus eine Art futuristischen Jugendstil mit Frauen an Blumenbouquets, mischt Melancholie in Farben und Blicke und macht die Motive grafisch plakatfähig. Den Frauentypus kennt man aus einfachen französischen Hotels. Es ist die „Zigeunerin“, die mit wild umflorten Augen die Freiheit des Nomadenlebens verspricht, gleichsam die Allegorie des Künstlerdaseins. Bei Bitzer erscheint sie als Reprise romantisierter Sehnsucht und bewegt sich im Dekobereich des handwerklich gut gemachten Kunstgewerbes, das Posen ins Possierliche treibt. Warum ist die Ausstellung dennoch sehenswert? Weil ein Missverständnis in der Auffassung des Ästhetischen deutlich wird. Der Künstler beschönigt penibel das Schöne und entzieht ihm alle Gegenkräfte. Deshalb darf man es als Kitsch bezeichnen (700 bis 3500 Euro).

In Posen werde der Zeitgeist sichtbar, lässt die Galerie Chromosome verlauten und zeigt „Hyperrealismus, Popkultur und Werbung in der aktuellen Kunst“ mit Daryoush Asgar, Johannes Hierzenberger und Andreas Leissner (Invalidenstraße 123-124, bis 15. Mai). Bei Malerei stellt sich weniger die Frage, welche Posen gewählt, sondern wie sie mit Pinsel und Farbe „ermalt“ werden und sich gegenüber der Modefotografie vom Standpunkt der Malerei behaupten. Man sieht fast durchweg fotografische Übernahmen mit Überdrehungen ins Niedliche nebst erotischen Anspielungen. Alles ist auf Gefallen eingestellt: Bilder mit Diener und Knicks. Ruft man sich die Modefotografie an Bushaltestellen der Stadt ins Gedächtnis – Salma Hayek im Winter 1999 zum Beispiel – versteht man, weshalb die Plakate aus den Kästen gestohlen wurden. Hayeks Selbstdarstellung verwandelte ihre Funktionalisierung als Modell in Bilder einer selbstbewussten Mona Lisa. Das wäre medienreflexiv der Minimalmaßstab. Bei Chromosome geht es nur um süße Mäuse und knackige Jungs in lindem Pastell und dämonischem Dunkel: kitsch as kitsch can. Denn die Zitate werden bloß zitiert und öffnen keinen neuen Zusammenhang (700 bis 4500 Euro).

Weniger eindeutig auf der Kippe stehen die Gemälde von Eamon O’Kane in der Galerie Schuster + Scheuermann (Gartenstraße 7, bis 29. Mai). Er malt kantig moderne Villen in Herbstidylle und kontrastiert die bunte Pracht mit dem Weiß und Grau der Architektur. Leider folgt er der Parole des „deskilling“: Das Motiv ist ihm wichtiger als dessen Durchführung. Aus Halbtönen zwischen Türkis, Blau und Braun werden dumpfe Farbsoßen (2200 bis 4700 Euro).

Die Galerie Capri hat kürzlich für solche Malerei den Begriff „hinreißendes Unbehagen“ gefunden. Da gewinnt Kitsch das werbetaktische Selbstbewusstsein psychedelischer Punks. Nun hat vor 30 Jahren die Kritikerin Susan Sontag den Begriff camp eingeführt, um zu zeigen, dass es Dinge in der Kunstwelt gibt, die so dermaßen schlecht sind, dass sie schon wieder exorbitant gut erscheinen; Jonathan Meese beispielsweise. Dieser gibt sich als Nachfolger der europäischen Geistesheroen von Wagner über Pound bis Beuys. Was ein ebenso amüsanter wie verzeihlicher Irrtum ist, wenn man seine Posen als camp erkennt und den Pathos als Trash. Doch liegen zwischen camp und Kitsch wiederum Abgründe, in denen ein unverhoffter Umschlag lauert: „Was für ein Kitsch!“, sagte der Rezensent zu seiner Begleitung, die mit entwaffnender Selbstverständlichkeit einwandte: „Ich finde Kitsch cool!“ Da die Begleiterin zwölf Jahre alt ist, können diese Ausstellungen auch Teenies empfohlen werden: camp für Heranwachsende. Wenn aber der Kultcharakter den Kunstwert belanglos macht, gewinnt Kitsch eine gesellschaftliche Dimension. Unterscheidungen wären deshalb nicht nur zwischen Kitsch und Kunst zu ziehen, sondern auch zwischen Kunst und Kult. Schwindelerregend, was das für den Kunstbetrieb bedeutete.

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