Kjell Westös Roman „Geh nicht einsam in die Nacht“ : Versteckt, verloren

„Geh nicht einsam in die Nacht“: Kjell Westös Roman über das popkulturelle Erwachen Helsinkis.

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In Kjell Westös 2008 auf Deutsch veröffentlichten Roman „Wo wir einst gingen“ steht ein Satz, der das bisherige Werk des schwedischsprachigen finnischen Schriftstellers gut charakterisiert: „An jedem Ort, wo ein Mensch gegangen ist, gibt es eine Erinnerung an ihn.“ Genauso wichtig wie die Menschen in Westös Romanen ist die Stadt, in der sie leben: die finnische Metropole Helsinki. So auch wieder in seinem jüngsten, 2009 in Finnland erschienenen und jetzt auch ins Deutsche übertragenen Roman „Geh nicht einsam in die Nacht“.

Dabei bevorzugt es Kjell Westö, weit auszuholen und Helsinki und seine Bewohner im Wandel der Zeit und nicht zuletzt vor dem Hintergrund welthistorischer Ereignisse zu porträtieren. Führte „Wo wir einst gingen“ weit zurück in den finnischen Bürgerkrieg 1918 nach der Ablösung Finnlands von Russland, so setzt „Geh nicht einsam in die Nacht“ später ein, in der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, da Westös drei Hauptfiguren gerade auf die Welt gekommen sind: „In Helsingfors ist zartester Mai, und auf dem Järnvägstorget spielt man Friedensjazz. (...) In der Nähe des Orchesterpodiums herrscht ein fürchterliches Gedränge, an Tanzen ist nicht zu denken. Aber das stört keinen, niemand lässt sich davon die gute Laune verderben, denn trotz der leichten Wolkenbank, die von Porkala im Südwesten heranzieht, ist es ein Tag des Lichts, ein Tag des Erwachens: Ein sechs Jahre währender Albtraum soll ausgelöscht werden.“

Schnell stößt Westö dieses Mal jedoch ins Zentrum seiner Geschichte vor. In dieser bilden die beiden Jungen, der 1946 geborene Jouni Manner und der zwei Jahre ältere Ariel Wahl sowie die ebenfalls kurz nach dem Krieg geborene Adriana Mansnerus eine zunächst unzerbrechlich erscheinende ménage à trois. Es sind die mittleren sechziger Jahre, auch in Finnland verändert sich das Lebensgefühl. Gerade in Helsinki sind die Ausläufer der Flower-Power-Bewegung zu spüren, es gibt erste popkulturelle Prägungen. Jouni, Ariel und Adriana gründen eine Band, spielen Konzerte in Helsinki und der südfinnischen Provinz und nehmen eine Single auf. Darauf findet sich eine Coverversion von Simon & Garfunkels „Sound of Silence“, aber auch ein selbst komponierter Titel: „Geh nicht einsam in die Nacht“, geschrieben von Ariel, ein Stück, das immerhin zehnmal im Radio gespielt wird. Damit hat es sich aber mit der Popkarriere der drei. Sie lassen sich durch die Jahre treiben, mit mal mehr, mal weniger Drogen, driften auseinander, kommen wieder zusammen, gehen in die Politik (Jouni), werden Model (Adriana) oder tauchen ab (Ariel). In ihren Herzen aber bleiben sie sich immer verbunden.

Westö gelingt in diesen Passagen ein schönes Sittengemälde Helsinkis der sechziger und siebziger Jahre. Gekonnt kreuzt er die Lebenswege mehrerer Figuren aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, und Pop und Politik, Subkultur und bürgerliche Lebenswelten spielen dabei gleichermaßen eine Rolle.

Das Problem dieses Romans ist jedoch, das Westö sich nicht mit ein, zwei Dekaden und nicht allein mit dem Werdegang von Jouni, Adriana und Ariel zufriedengibt. Sondern er erzählt weiter und weiter, bis in die Gegenwart hinein, und lässt drei weiteren Figuren ähnliches widerfahren wie den drei Altvorderen: dem 1961 geborenen Icherzähler des Romans, Frank Laman, mutmaßlich Westös Alter ego, der 13 Jahre jüngeren Schwester von Adriana, Eva Mansnerus, und dem dritten in diesem Bunde, Pete Everi.

Auch sie verbindet eine Art „Jules et Jim“-Beziehung, auch hier mehren sich die zwischenmenschlichen Blessuren, und natürlich setzt sich Kjell Westös Erzähler, der von Beruf Journalist und beginnender Romanautor ist, auf die Spur von Jouni, mit dem er freundschaftlich verbunden ist, der verstorbenen Adriana und dem verschollenen Ariel.

Leider geht Westö in diesem zweiten Teil seines 700-seitigen Romans der erzählerische Atem und die poetische Kraft aus; auch Helsinki wirkt plötzlich leblos, ist nicht mehr als ein Ort mit Straßen und Häusern, ein Pappkamerad, ein Stadtplan, nicht mehr. Begegnung reiht sich jetzt an Begegnung, alles schön chronologisch und unendlich langweilig. Mal geht was zwischen Frank und Eva, dann wieder nicht, mal sind sich Frank und Jouni verbunden, dann streiten sie sich, als Frank sein Familiengeheimnis lüftet.

Was Ariel und Adriana betrifft, bewegt sich Frank zwischen dem Geist der einen und der Recherche nach dem anderen, und die Motive beginnen zu leiern. Am stärksten sind noch die Abschnitte, in denen Laman vom Leben seiner Eltern berichtet und wie er erfährt, dass sein Vater nicht sein leiblicher ist, sondern, natürlich, man ahnt das früh, ebenjener Ariel.

„Ich habe mich so lange und so gut vor den anderen versteckt, dass ich mich selbst verlor“, heißt es zu Beginn. Wie es scheint, hat auch der sonst so solide, manchmal begnadete, virtuose Erzähler Kjell Westö sich in dieser Geschichte verloren. Geradehinaus, kürzer und konzentrierter wäre in diesem Fall besser gewesen. Gerrit Bartels

Kjell Westö

Geh nicht einsam

in die Nacht. Roman. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. btb, München 2013. 702 Seiten, 24, 99 €.

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