Kultur : „Klack“, macht die Guillotine

Jörg Königsdorf

findet einen Ohrwurm in der Nonnen-Oper Der Schluss von Francis Poulencs „Gespräche der Karmeliterinnen“ ist sicher der gemeinste der gesamten Operngeschichte: Vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt, weil sie sich weigern, den Eid auf die neue französische Verfassung abzulegen, marschieren die heiligen Heldinnen aufs Schafott und singen dabei ein wunderbar sentimentales „Salve Regina“. Immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet, unterbricht das schneidende „Klack“ der Guillotine den Hymnus und dünnt die Schar der Choristinnen etwas aus – so lange, bis nur noch ein zages Nonnenstimmchen übrig geblieben ist.

Für Regisseure ist diese Szene natürlich ein Problem – schließlich kann man die Nonnen schlecht auf offener Bühne einkürzen. In seiner Inszenierung an der Deutschen Oper, die am Mittwoch und Sonnabend wieder zu sehen ist (spätere Termine am 17. und 27. Juni) ist Günter Krämer jedoch eine ebenso schlichte wie sinnfällige Lösung gelungen. Dass die Deutsche Oper das Stück ausgerechnet im Vorfeld des Christopher-Street-Day auf den Spielpan setzt, macht im Übrigen durchaus Sinn: Nicht weil Poulenc selbst schwul war (und das auch ohne Hemmungen zeigte), sondern weil sich die Geschichte auch als Coming-Out-Story der jungen Nonne Blanche de la Force begreifen lässt: Zu Beginn der Schluss-Szene steht sie noch unerkannt in der Menge, doch dann bekennt sie sich zu ihren Schwestern und nimmt den Tod auf sich. Gewiss, die Gleichsetzung ist nur eine Deutungsmöglichkeit, aber zumindest sollte einen die Musik stutzig machen, die Poulenc für seine „Schwestern“ geschrieben hat: Die klingt nämlich gar nicht nach Kloster, sondern ist ein Grand-Prix-tauglicher Schlagerohrwurm, der sich auf einem verdächtig swingenden Rhythmus bewegt.

Schade eigentlich, dass sich leider kein Regisseur getraut hat, den Nonnentod in diesem Sinne als Glamourparade zu inszenieren. Ob man Almodovár mal fragen sollte?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben