Kultur : Klänge aus dem Zauberwald Paul Dessaus Filmmusik im Berliner Konzerthaus

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„Musik in der Alhambra; endlich einmal modernste Musik in einem Kino“ jubelte der Filmkurier am 21. August 1928 über den Amtsantritt Paul Dessaus als Kinokapellmeister. Und bescheinigte dem ehemaligen ersten Dirigenten der Städtischen Oper Berlin auch gleich noch, an einem „wichtigen Posten“ angelangt zu sein. Heute ist Dessaus Zeit an dem Berliner Erstaufführungskino ebenso vergessen wie sein filmmusikalisches Schaffen, das er in der neuen Position schuf.

Dessau entdeckte dabei insbesondere den unterhaltsamen Vorfilm als Experimentierbühne, auf der er einem breiten Publikum auch avantgardistische Klänge unterjubeln konnte. Dabei entstanden Musiken zu den frühen „Alice“-Filmen Walt Disneys sowie zu „Le Forêt enchanté“ von Ladislav Starevitch, dem genialen Pionier der Stop-Motion-Technik und Schöpfer des wohl ersten schwulen Filmkusses (wenn auch nur unter Puppen).

Es ist ein großes Verdienst des Konzerthaus-Dramaturgen Jens Schubbe, der Kammerakademie Potsdam sowie des Dirigenten Sebastian Gottschick, diese akustischen wie optischen Perlen (zu denen erstaunlich differenzierte Kritiken erschienen) endlich einmal live im Werner-Otto-Saal des Berliner Konzerthauses vorzustellen. Wie bei Pioniertaten üblich, muss man kleine Abstriche bei der Ausführung machen: Dessaus spezialisiertes Kino-Orchester dürfte noch plastischer und rhythmisch schärfer geklungen haben. Doch das Live-Erlebnis wertet die Musik beträchtlich auf, und wer einmal erlebt hat, wie ebenbürtig sich Bild und Ton auf einmal gegenüberstehen und wie viel Geist und Kontrapunkt Dessau auf diese scheinbaren Gelegenheitskompositionen verschwendete, der wird sich eine Fortsetzung solcher Experimente dringend wünschen. Carsten Niemann

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