"Klang der Stille" mit dem Rias Kammerchor : Das Rascheln von Seidenpapier

Der Rias Kammerchor widmet einen Abend im Kammermusiksaal dem "Klang der Stille". Mit Werken von Morton Feldman, Toshio Hosokawa und James Wood.

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Der Rias Kammerchor
Der Rias KammerchorFoto: Matthias Heyde

Zum Ton wird hier die Luft, könnte man in Abwandlung von Wagners Raum-Zeit-Diktum aus dem „Parsifal“ sagen. Die Sängerinnen und Sänger des Rias Kammerchors atmen und pusten, zischeln, säuseln, raunen, rauschen, manchmal gesellt sich ein leises Pfeifen hinzu oder das Klingeln japanischer Glöckchen, während der Marimba-Percussionist ein feines Tremolo klöppelt. Musik wie japanisches Seidenpapier. Bis sich aus dem Luftraum von Toshio Hosokawas 15-Minuten-Werk „Mein Herzensgrund, unendlich tief“ (2004) Stimmen herauskristallisieren, Silben heranbranden, ein Kurzgedicht von Kitarō Nishida. Behutsam erst, dann sich türmend zur Riesenwelle, zur ehernen Klangsäule. Ein Choral, eine Beschwörung, impertinenter Schrei.

Stille kann laut sein. Der Abend im Kammermusiksaal ist dem Klang der Stille gewidmet, der Musik als dem „Ort, an dem sich Töne und Schweigen begegnen“, wie der japanische Komponist es nennt. Sein Stück in der Mitte des Konzerts widmet er den Opfern des Tsunamis in Japan vor genau sechs Jahren, am Ende löscht sich „Mein Herzensgrund“ per Wischtechnik gleichsam selbst aus.

Cool und virtuos: die Schlagzeuger der Amadinda Percussion Group aus Ungarn

Psst, bloß nicht rascheln oder husten, man wagt kaum sich zu rühren. Auch die Sänger blättern bei Morton Feldmans flirrend monochromer „Rothko Chapel“ (1971, Viola: Axel Porath) und bei der Uraufführung von James Woods „Khamush“ die Noten im Zeitlupentempo um, so hochempfindlich ist die Faktur der Tongebilde. Der britische Komponist Wood dirigiert selbst, hält die fragilen wie komplexen Strukturen souverän zusammen.

Dirigent und Komponist James Wood.
Dirigent und Komponist James Wood.Foto: Rosi Arndt/ Rias Kammerchor

Bei seiner Vertonung von drei Gedichten des mittelalterlichen persischen Poeten Rūnī verblüfft neben dem gesanglichen Echoraum von Gregorianik über archaisierende Volksgesänge und Ritualtänze bis zum Neutöner-Glissando vor allem die coole Virtuosität der Amadinda Percussion Group. Während die Rias-Choristen mit markanten Rufen die Stille ganzer Gebirgsmassive evozieren, beweist das ungarische Schlagzeugquartett gemeinsam mit dem Pianisten Philip Mayers, wie viel Unerhörtes die Welt der Musik doch birgt. Der volle, warme Sound der Marimba- und Vibraphone, dazu asiatische Gongs und Tamtams, Klanghölzer, singendes Flexaton, leise klappernde Bambusstäbe: Sei, was du singst, wird Rūnī im Programmheft zitiert. Sei, was du hörst, schon das wäre schön.

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