Kultur : Klang der Stille

Zwei Meister neusachlicher Fotokunst: Fritz Brill und Ewald Hoinkis in der Galerie Kicken

Hans-Jörg Rother

„Ihre Aufnahmen finde ich durchschnittlich recht gut“, bescheinigte George Grosz seinem Porträtisten Ewald Hoinkis in einem Brief vom 14. Dezember 1928. Gönnerhaft fügte er hinzu: „Bitte schicken Sie mir bald die Bilder, damit ich für Sie Propaganda mache.“ Der Adressat war zu diesem Zeitpunkt bereits 31 Jahre alt. Mit elf hatte er zu fotografieren begonnen und sich in das Wechselspiel von Licht und Schatten verliebt. Noch Mitte der Zwanzigerjahre sollten die Laubengänge seiner Heimatstadt Görlitz ein Lieblingsmotiv des Schlesiers bilden. Dazu kamen sensible Akte, für die seine Frau Jenny ihm Modell stand, sowie schlichte Stillleben. Eine Schale mit Früchten, 1926 aufgenommen, eine andere mit vier Eiern aus dem Jahr 1929 sind Musterbeispiele für Hoinkis Imaginationsfähigkeit, die ihn bald zum Werbedesigner werden ließ.

Einem glücklichem Zufall und fleißiger Recherche ist es zu verdanken, dass 26 Fundstücke aus dem unaufgearbeiteten Nachlass von Ewald Hoinkis (1897-1960) nun in der Galerie Kicken Berlin bewundert werden können (Preise ab 2800 Euro) Das Gleiche gilt für ebenso viele Arbeiten von Fritz Brill, der 1904 in Hannover geboren wurde. Das Prestel-Lexikon der Fotografen zählt ihn im Erscheinungsjahr 2002 noch unter den Lebenden, er starb jedoch 1997 in seinem langjährigen Wirkungsort Hofgeismar bei Kassel. 1982 würdigte die Berlinische Galerie den Schüler des Bauhauslehrers Johannes Itten mit einer Werkschau. Auch Brill war eine Frühbegabung. Mit 14 verwandelte er den Anblick von Därmen im Geschäft seines Vaters in ein surreales Fotogemälde. Lebenslang faszinierten ihn Details. Er konnte sich lange in die Beschaffenheit von Wasser, Schlamm oder Kartoffelstärke vertiefen und arbeitete im Grenzbereich zur wissenschaftlichen Fotografie. Ihn reizte die Spannung zwischen den Zahnrädern einer Maschine ebenso wie die abgeplatzten Gummistücken eines Lastwagenreifens auf der Autobahn oder der Anblick von Kristallen im Mikroskop. Freie Formarrangements, von denen sich in der Ausstellung ein schönes Beispiel aus dem Jahr 1949 findet, spielen mit geometrischen Körpern als wären es Naturbausteine.

Die für ihre hohen Ansprüche bekannte Galerie hat die artverwandten Vintageabzüge von Hoinkis und Brill als eine gemeinsame Bildfolge gehängt, was manchmal verwirrt, aber da überzeugt, wo die Motive einander verblüffend ähneln. Von Brill prägt sich der präzise, unbestechliche Blick ein, von Hoinkis der weiche, fast schmeichelnde Stil. Beide Künstler verband, obwohl sie einander wohl nie begegnet sind, ein zeittypischer Sinn für romantische Stimmungen. In der Morgendämmerung auf den leeren Straßen von Görlitz steht im Jahr 1925 die Zeit genauso still wie unter der einsamen Straßenlaterne, deren ruhiger Lichtstrahl Brill 1930 erwärmte. An der jungen Spreewälderin von Brill aus dem gleichen Jahr und ausgerechnet an George Grosz, wie ihn Hoinkis 1928 sah, scheinen die heftigen Stürme jener Jahre spurlos vorübergegangen zu sein. Beide Fotografen schufen, fern von revolutionären Manifesten, freie Refugien der Innerlichkeit. Aber nicht der Aufschrei der Avantgarde, sondern Romantik ist auch heute wieder gefragt. Von manchen Stillleben Brills oder Hoinkis bis zum grünen „Faltenwurf“ eines Wolfgang Tillmans aus dem Jahr 2001 ist der Weg gar nicht weit. Die Romantik lebt.

Kicken Berlin, Linienstr. 155, bis 2.4., Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr, Samstag 14-18 Uhr

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