Kultur : Klang der Welten

Eine Ausstellung erinnert an Curt Sachs

Christiane Tewinkel

Meistens trennt man die Menschen, die beruflich über Musik nachdenken, in drei Gruppen: Da gibt es Musikhistoriker. Musikethnologen. Und dann noch ein paar versprengte Systematiker. Curt Sachs konnte alles. Der vor 125 Jahren in Berlin geborene Gelehrte komponierte, schrieb eine Weltgeschichte des Tanzes, prägte den Begriff „Barockmusik“ und entwickelte gemeinsam mit Erich von Hornbostel ein System, um die Instrumente der Völker zu erfassen. Ab 1920 leitete er das Berliner Musikinstrumenten-Museum, dessen Nachfolgeinstitution ihm nun eine kleine, feine Ausstellung widmet.

Aus aller Welt kaufte Sachs seinerzeit für die Sammlung an. Hie und da tauschte er auch Exponate mit anderen Berliner Häusern aus; 1929 zum Beispiel sorgte er dafür, dass ein uraltes Gemshorn aus dem Zeughaus ins Museum kam. Im Gegenzug bot er dafür gleich mehrere Instrumente an, darunter „ein französisches Signalhorn“. Mit Carl Orff besprach sich der Musikgelehrte über afrikanische und europäische Musik. Keine Sorge solle Orff haben, Blockflöten in sein Instrumentarium aufzunehmen. Die urafrikanischen Flöten seien ihnen doch gar nicht unähnlich, die Spieltechniken der Blockflöte hinwiederum kaum ausgereizt, viel zu divers, um sie für Barockmusikalisches allein zu nutzen.

Dass Curt Sachs ein begnadeter Pädagoge und Rhetoriker war, dessen Vorlesungen an Berliner Hochschulen überaus beliebt waren, zeigt ein Kurzfilm über „Die Klangwelt des Rokoko“ (1929), der ebenfalls im Museum läuft, und in dem Sachs in herrlich gebauten Sätzen über Allonge-Perücken, die Viola d’amore oder das Cembalospiel doziert. 1930 erschien ein Schallplattenwerk, mit dem er nichts weniger als „2000 Jahre Musik“ darstellte, eine tollkühne klingende Enzyklopädie, für die selbstverständlich auch Instrumente des Museums herangezogen wurden. Drei Jahre später wurde Sachs aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus dem Staatsdienst entlassen. Der Brief, den er am 29. September 1933, seinem letzten Arbeitstag, an einen Edinburgher Forscher schrieb, kündet davon, wie besonnen er noch die allerletzten Geschäfte erledigte.

„Wissen Sie noch,“ wird er den Musikwissenschaftler Hans Joachim Moser 1949 fragen, „daß Sie als erster allen jüdischen Komponisten in Ihrer Deutschen Musikgeschichte den gelben Lappen angeheftet haben?“ Zu dieser Zeit lebte Sachs mit seiner Familie in den USA, wohin er nach vierjährigem Aufenthalt in Paris gelangt war und wo er nun an der Columbia und der New York University lehrte. Ein Jahr später wurde er Präsident der American Musicological Society. 1956, seinem Todesjahr, verlieh ihm die Freie Universität Berlin die Ehrendoktorwürde.

Musikinstrumenten-Museum: bis 1. Oktober, Di, Mi und Fr 9–17 Uhr, Do 9–22 Uhr, Sa/So und an Feiertagen 10–17 Uhr.

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