Kultur : Klangfließband

Das DSO beschließt das Musikfest Berlin 2006

Christiane Tewinkel

Mit einem Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters ging am Sonntag das Musikfest Berlin zu Ende, die zweite Ausgabe des Nachfolgefestivals der herbstlichen Festwochen. Der Geiger Nikolaj Znaider spielte Mozarts fünftes Violinkonzert, von einer Kammerausgabe des DSO begleitet, danach gab man Bruckners Fünfte. Am Pult stand Herbert Blomstedt, der einmal mehr zeigte, wie sich auch mit schlanker Gestik ein Orchester der Megagröße dirigieren lässt. Blomstedt steht über den Dingen, ohne indifferent zu sein; wer sich fragt, was er die ganze Zeit machte mit dieser hanseatischen Zurückhaltung, die zwar zu rechter Zeit – etwa bei den scharf ausgeschnittenen Bruckner’schen Choralflächen – energischer Bewegung weicht, aber eben doch meistenteils hanseatisch bleibt, der muss nur hinhören. Ein Mozart ohne Prätention erklingt, zügig, aber voller Leben. Ein Bruckner, der ebenfalls schlank bleibt und in dem auch das DSO-Blech nach anfänglichen Kicksern Raum für die immer neue Zurschaustellung der eigenen Strahlkraft finden kann.

Znaider aber, dessen Körpergröße ebenso wie seine nur an den Rändern des Konzerts aufleuchtende Virtuosität ahnen lassen, zu welcher Kraft er eigentlich fähig ist, zeigt schon in den ersten Mozart-Takten Charakter, dort, wo er der Vorgabe Blomstedts und dem Puls des Orchesters ein ganz eigenes Gefühl für Ruhe und Zeit entgegenhält. Welches er später, bei seiner fein geschnittenen Bach-Zugabe, nochmals unter Beweis stellt.

Es ist dieser Abend in seiner unspektakulären Virtuosität ein idealer Schlusspunkt für das Festival, das bislang vor allem durch dezente Programmierung und den Mut zu hardcore-Klassik-Abenden auffällt. Wer das Musikfest besucht, kommt nicht durch Bauernfängerei, nicht, weil sich die Festivalleitung durch gewagte interdisziplinäre Projekte oder Themen hervortut. Sondern weil Klassik auf höchstem Niveau und im vertrauten Format des Konzertabends geboten wird. Das ist von Vorteil und dürfte in Zeiten, die in ihrer Innovationsfreude mitunter zu Publikumsverwirrung führen, genau das Richtige sein.

Andererseits lässt das Musikfest die Hörer etwas hungrig zurück. Der Verweis auf das Fließband von Spitzenorchestern, das das gut zweiwöchige Festival in Gang setzt, macht noch nicht zufrieden. Sicher, es gab Ur- und Wiederaufführungen von Rihm, Henze, Saariaho oder Pintscher. Aber abgesehen von dem „Schwerpunkt“ auf der Musik Englands, die mit Elgar, Britten, Birtwistle und Harvey nicht annähernd repräsentiert war, abgesehen auch von den Werken György Kurtágs – der im Februar seinen 80. Geburtstag feierte, bei vielen Konzerten zugegen war und auch die Programmierung der Abende mit der Ungarischen Nationalphilharmonie bestimmte –, blieben inhaltliche Prägungen im Hintergrund. Ob es daran liegt, dass ein weiterer ungenannter Schwerpunkt auf Todes- und Grabesmusiken lag? Es könnte auch damit zu tun haben, dass Ensembles wie das Mahler Chamber Orchestra oder das Cleveland Orchestra mit Programmen Station machten, die durchaus nicht mit Blick auf das Musikfest konzipiert wurden. Logistisch verständlich, mindern solche Einkäufe die Stimmigkeit.

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