Kultur : Klangturm überm Parlament

BERNHARD SCHULZ

Neue Hauptstädte, wenn überhaupt, werden in fernen Ländern begründet; in Europa gibt es in vielen, allzu vielen Orten hauptstädtische Traditionen - und seien es die eines Duodezfürstentums -, an die sich gegebenenfalls anknüpfen ließe.

Also ist die Gründung einer neuen Hauptstadt schon ein bemerkenswerter Vorgang.St.Pölten, aufgrund einer Volksabstimmung 1986 zur Hauptstadt des Bundeslandes Niederösterreich erkoren, hat solche Aufmerksamkeit außerhalb der Donaurepublik noch nicht recht erfahren.Dabei gelang es in der bis dato als das Hinterletzte geltenden Provinzstadt binnen fünf Jahren und mit Einsatz von umgerechnet einer Milliarde Mark, einen respektablen Hauptstadtbezirk aus dem Brachland längs des Flüßchens Traisen zu stampfen.Nicht weniger als 400 000 Kubikmeter oberirdisch umbauten Raum galt es zu schaffen.Seit knapp zwei Jahren ist die Kapitale "in Betrieb", und das anfängliche Gejammer der zum Auszug aus der Metropole Wien - die bis dahin im Nebenberuf auch dem umliegenden Niederösterreich vorstand - verurteilten Beamten ist nicht länger zu vernehmen.

Warum das so ist, läßt die Ausstellung zumindest erahnen, die die "NÖ Landeshauptstadt Planungsgesellschaft" jetzt mit Plänen, Modellen und Fotografien in der Galerie Aedes ausrichtet.Apropos Aedes: Die Gerüchte, Kristin Feireiß und Hans-Jürgen Comme rell wollten ihr so überaus erfolgreiches Architekturforum zum Jahresende schließen, entbehren jeder Grundlage.Vielmehr beobachten die beiden Betreiber den Wandel des Ortes zur Touristenattraktion und denken über Alternativen nach - allerdings erst nach dem Jahr 1999.Soviel dazu.Mit der Vorstellung St Pöltens knüpft Aedes an eine erste Präsentation der Planungen vor fünf Jahren an.Aus diesen Plänen ist mittlerweile gebaute Wirklichkeit geworden.

Vergleiche mit Berlin hinken naturgemäß.Für eine überschaubare Stadt wie Potsdam indessen könnte ein Blick auf die niederösterreichische Hauptstadt lohnen.Dort wurde das Regierungsviertel am Rande der barocken Stadt bis hin zum unbeachteten Fluß konzentriert.Dem entlang einer gestreckten Magistrale angeordneten Quartier wurde so eine natürliche Kante gegeben, während sich die Verbindung zur benachbarten Altstadt eher schwierig gestaltet.Leider kommt das Bürogebäude "Tor zum Landhaus" des ansonsten doch feinfühligen Boris Podrecca zu wuchtig daher.Ferner galt es die zuvor bereits bestehenden Umgehungsstraßen zu berücksichtigen, von denen aus der Erschließungsverkehr geführt geht - im Regierungsviertel allerdings unterirdisch.Die ebene Erde gehört den Fußgängern.

Die Magistrale verläuft zunächst durch eine mall-artige doppelte Bürozeile, die Landhauspassage, ehe sie sich auf den Landtagsplatz öffnet.Immerhin wurden im Erdgeschoß Geschäfte für den Alltagsbedarf und gastronomische Einrichtungen vorgesehen, um die herkömmliche Sterilität von Verwaltungsbauten zu überspielen.Ein 70 Meter hoher "Klangturm" in der Mitte des Quartiers huldigt der zweckfreien Schönheit; ein Stadtzeichen, wie es früher der Kirchturm gewesen wäre.Unter ihm hindurch kreuzt rechtwinklig ein schmalerer Weg, der sich in einer Brücke über das Flüßchen hinweg fortsetzt und dazu einlädt, die Schauseite des Ensembles zu betrachten.Das geschwungene Kreissegment des Landtagssaales spiegelt sich in einem Wasserbecken und je nach Pegelstand in der Traisen.Der Architekt, Ernst Hoffmann, hat auch den Klangturm und die Passage entworfen; überdies stammt von ihm der Plan der Gesamtanlage.Der ist nicht eben revolutionär, wie es andere Masterpläne des Wettbewerbs von 1989 waren; aber dafür Stück für Stück zu vervollständigen.

Von der gegenüberliegenden Uferpromenade ins Zentrum zurückgekehrt, weitet sich vor dem Passanten eine Folge von Platzräumen vor ein entschiedeneres Vokabular in die etwas gefällige Sprache der Regierungsarchitektur bringenden, kubisch-harten Landesarchiv-plus-Bibliothek von Karin Bily, Paul Katzberger und Michael Loudon.Dann, neuerlicher Wechsel der Formensprache: geradeaus das Festspielhaus von Klaus Kada, das mit seinem bauchig vorgewölbten Zuschauerraum und der darüber gespannten, hinterleuchteten Glasschuppenhaut an die "metropolitanen" Einfälle eines Rem Koolhaas denken läßt.Links davon macht ein in der Form eines liegenden "S" geschwungenes Dach viel her, um auf das dahinterliegende Ausstellungsgebäude "Shedhalle" aufmerksam zu machen.Man ahnt die Handschrift des Wiener Star-Architekten Hans Hollein; das Landesmuseum nach seinem Entwurf soll Mitte 1999 gleich daneben in Bau gehen (und dann den Blick auf das etwas abseitig plazierte ORF-Landesstudio von Gustav Peichl verdecken).

Kultur, das also war der Leitsatz, soll dem Quartier Kontur geben und einen Ausgleich ermöglichen für die auf die Werktage und Bürostunden begrenzte Regierungs- und Verwaltungstätigkeit.Bei 51 000 Einwohnern kann St.Pölten ein derartiges kulturelles Angebot nicht allein verkraften.Das Städtchen muß wirklich Hauptstadt sein, auch an Wochenenden, und so wird in den Kulturhäusern ein entsprechend ausstrahlendes Programm geboten.

Und was könnte Potsdam lernen? Ganz einfach: die Hauptstadt-Funktionen bündeln, aus dem überkommenen Stadtbild heraushalten und den Versuch einer Stadterweiterung wagen, wo irgend möglich auch vernachlässigte Wasserläufe einbeziehen.Und für die Altstadt ebenfalls St.Pölten zum Vorbild nehmen.Dem dortigen Rathausplatz nämlich, einem nicht atemberaubenden, aber doch typischen barocken Ensemble, hat Boris Podrecca mit subtilen Mitteln, vor allem der Pflasterung, wunderbar Fassung verliehen.In der Ausstellung ist dies leider ausgespart - aber zum Glück im hervorragenden Katalogbuch nachzulesen.

Aedes East, Hackesche Höfe, Rosenthaler Str.40/41, bis 6.Dezember.Otto Kapfinger / Michaela Steiner (Hrsg.): St.Pölten neu.Das Bild der Landeshauptstadt.Springer Verlag, Wien / New York 1997, in Ausstellung und Buchhandel 49 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben