Kultur : Klappernde Glieder - Eine Choreografie von Jan Pusch

Sandra Luzina

Was ist noch real, fragt sich die Generation, die im Informationszeitalter aufgewachsen ist. Jan Pusch lässt seine Tänzer in dem Stück "Wish I was real", das gerade auf Kampnagel in Hamburg Premiere hatte und nun im Theater am Halleschen Ufer zu sehen ist, gegen das Gefühl des Realitätsverlusts antanzen. Drei Männer und zwei Frauen - jeder tanzt für sich allein. Keiner hinterlässt Spuren. Keiner kommt dem anderen auf die Spur. Sie kommen sich noch nicht einmal in die Quere. Jan Pusch komponiert seine Stück aus Szenenschnipseln, kürzer als jeder Videoclip. Betont werden die Unterbrechungen. Kurz scheint die Bewegung auf, und dann umfängt ein geräuschvolles Dunkel die Gestalten. Die Flüchtigkeit des Tanzes wird hier nochmals radikalisiert. Unverbunden agieren die Tänzer nebeneinander. Der Choreograph will keinen Fluss, keine Entfaltung. Nichts hat seinen angestammten Ort, nichts gehört mehr zusammen. Der Körper erscheint als klappernder Gliederapparat. Michela Meazza langt dann in ihrem Solo richtig zu. Immer heftiger schlägt sie um sich, tritt sie in alle Richtungen, ohne jemals auf einen Widerstand zu treffen, ihre Aggressionen verpuffen im luftleeren Raum. Auch in den Duos erfüllt sich nicht der Wunsch nach einem realen Gegenüber. Der Einsatz von Text mutet dann ehr hilflos an. Fiona Gordon und Michela Meazza malen sich aus, wie ER aussehen könnte: nicht der Traummann, sondern der perfekte Zuhörer. Ist es diese Frauenphantasie, die die Männer auf der Bühne zur Unscheinbarkeit verdammt? Trotz dieses sprachlichen Exkurses verbleibt Jan Pusch im Abstrakten, er zeigt pure Bewegung, zwischen den Akteuren passiert: nichts.

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