Kultur : Klapperstorch ade

CORDULA DÄUPER

Rotlicht und Sphärenklänge: Bemützte Männchen in orangenen Gewändern irren mit flauschigen Plüschrucksäcken und -schwänzen durch eine Höhle, es tropft.Klar, Spermien auf der Suche nach dem Ei.Und genauso orientierungslos, wie diese Gestalten in Jennis furchtbarem Traum durch den Zuschauerraum turnen, fühlen sich Jenni und Andi.Sie sind 15 und bekommen vielleicht ein Kind.Jenni steht mit ihrer Freundin Tina auf der Mädchentoilette einer Disco und macht einen Schwangerschaftstest.Doch bevor sie das Ergebnis erfährt, spielt sie alle möglichen Situationen durch, was passieren könnte, wenn ihr "erstes Mal" tatsächlich gleich ein "Volltreffer" gewesen sein sollte.

Unter diesem Titel brachte das Theater Strahl am Freitag seine Neufassung des Stückes - in der die Kids jetzt schon in Euro rechnen - erstmals zur Aufführung.Strahl ist ein Theater, das sich seit 12 Jahren ausschließlich dem Jugendtheater widmet - aber damit ausdrücklich nicht nur Jugendliche, sondern auch die älteren Generationen ansprechen will.Im Umkreis der subventionsberaubten Berliner Theater ist Strahl dieses Jahr in der außergewöhnlichen Lage, eine Aufstockung des Etats durch den Senat erlebt zu haben.Diese soll der kontinuierlichen Arbeit des Ensembles - personell und technisch erweitert - zugute kommen.Außerdem ist "Die Weiße Rose" dem Theater neuerdings als feste Spielstätte zugesichert worden: Statt Zukunftsängsten kann jetzt alle Kraft und Konzentration in die Zukunftsplanung gesteckt werden.Zwei Premieren pro Jahr werden angestrebt, und die Vorbereitungen dafür sind bereits angelaufen.Aus aktuellen thematischen Stoffen, wie Klontechnik im Zuge der sozialen Konformität oder Fremdsein und die Suche nach der eigenen Identität im Zeitalter des Doppelpasses, werden die kommenden Aufführungen gemacht sein.Strahl arbeitet seine Stücke selbst aus.Durch intensive Recherche, Improvisationen und Gespräche mit Fachkundigen und Jugendlichen selbst, werden Material und Informationen gesammelt und daraus ein Bühnenwerk gebastelt.Ziel ist es, auf die Bedürfnisse und Probleme der Jugendlichen genau einzugehen.

Jennis Mutter fühlt sich überfordert, hat kein Verständnis für ihre Tochter, reagiert panisch.Dabei wurde sie selbst vor ein paar Jahren ungewollt schwanger.Ebenfalls ohne Einfühlungsvermögen tritt die drängelnde Sozialarbeitertussi Jenni gegenüber: "ohne ausgefüllten Schein kein Abbruch möglich".Kaltblütig läßt der paffende Oberarzt die hochschwangere Jenni stundenlang warten, während die Putzfrau die letzte Nachgeburt aufwischt und andere Schwangere ihre Wehen laut stöhnend durch Stoßatmung stimulieren.Ein Horrorszenario.Eine Karussellfahrt an Gefühlsumschwüngen und Phantasievorstellungen macht Jenni durch, aber sie kann die Verantwortung nicht mehr von sich weisen.Es ist ihr eigenes Leben, das sie bestreiten und gestalten muß.Eine Flucht ist nicht möglich.Die vier Jungschauspieler switchen flexibel und energiegeladen durch die vielen Szenen und unterschiedlichen Rollen, die praktikable Drehwandbühne eröffnet immer neue Schauplätze.Kein verstaubter Realitäts- und Aufklärungscharakter belastet die Aufführung.Das Szenenpotpourri lebt und bebt durch Songs und Rap-Einlagen.Witzige Dialogtexte und karikierte Typen, so etwa der Fahrlehrer in seinem Unterricht über "Unfallverhütung", lockern den Ernst des Themas auf.Der Regisseurin Ulla Theißen gelingt es, ihre Charaktere nicht schwarz-weiß zu zeichnen.Sie kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus: Konfrontation mit einer Problematik ohne konkrete Lösung.Für Erwachsene mindestens genauso wichtig als Anregung zum Nachdenken wie für die Jugend.

Das Theater Strahl will sein junges Publikum aber nicht nur zuschauen lassen, sondern auch anbieten, praktisch Theatererfahrung zu sammeln.Zwei Theatergruppen für Schüler bestehen bereits, eine Schreibwerkstatt ist geplant - der Traum einer ans Haus gebundenen Theater-Talentschmiede.

Weitere Vorstellungen: 29.bis 31.März, Beginn jeweils um 11 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben