Kultur : Klara und die Geister

„Blumenfresser“: László Darvasis Parabel über ein bedrohtes Ungarn.

Nicole Henneberg

Diese aufwühlende Geschichte spielt in einem Winkel des Habsburgerreiches, in dem „selbst die unwahrscheinlichste Sehnsucht und der absurdeste Wunsch zu blutiger Wirklichkeit“ werden können. Die „Blumenfresser“ Imre und Klara, das Liebespaar, von dem László Darvasi erzählt, verweigert sich der bleiernen Zeit, die in Szeged herrscht, und einer politischen Überwachung, die noch das Privateste reglementieren will. Die in Ungarn leidenschaftlich begonnene Revolution von 1848 wächst sich schnell zu einem blutig-zerstörerischen Befreiungskampf aus, während sich das Paar immer tiefer in seinen Fantasien vergräbt. Die Blumen, an denen Klara sich oft vergiftet und die Imre an den abwegigsten Stellen in der Stadt pflanzt, gelten ihnen nicht nur als eigensinnige Hoffnungsträger, sondern als Boten eines freien Lebens schlechthin.

Man lasse sich von der historischen Kulisse nicht täuschen. Darvasi, 1962 im ostungarischen Törökszentmiklós geboren, erzählt von einer beklemmend aktuellen Umbruchsituation. „Oh weh, was wird mit den Träumen, sie verfaulen und gleichen allmählich unbegrabenen Toten“, klagt der deutsche Arzt Dr. Schütz, der im Roman insgeheim die Fäden zieht, doch sein Schützling Klara lacht ihn aus: „Träume sterben nicht, Träume ziehen weiter, Träume leben!“

Es wird viel geliebt, gekämpft und gestorben in diesem Roman, der sich auch als lustvoll ausuferndes Panorama menschlicher Leidenschaften lesen lässt. Nur darin knüpft Darvasi, der vor allem mit Kurzprosa bekannt wurde, an seine „Legende von den Tränengauklern“ an, einen märchenhaften Reigen von Geschichten über ein leidendes Land. Im neuen Buch, dessen klaren und direkten Ton Heinrich Eisterer in ein klingendes Deutsch gebracht hat, sind die Einzelteile zu einem wohlkonstruierten Romangebäude gefügt, dessen zentrale Säulen Klara, ihr Mann Imre und dessen Brüder Adam und Peter sind. Auch wenn Peter in seiner Liebesgier oft allzu schematisch wirkt, prägen sie alle, durch die Stadt streifende Wanderer zwischen Diesseits und Jenseits, Traum und Realität, sich ein. Und der mythenkundige Zigeunerfürst Gilagóg sieht und weiß nicht nur mehr als die Bürger von Szeged, sondern ist auch ein politisch kluger, humorvoller Chronist.

Überhaupt verwandelt Darvasi die Provinzstadt, in der er selbst in den 1980er Jahren studiert und die Wende erlebt hat, in einen Urort des Erzählens: Als die (historisch verbürgte) Jahrhundertflut 1879 die Häuser der geflüchteten Juden, Armenier und Serben wegspült, verbarrikadieren sich Imre und Klara in ihrem mit Blumen vollgestopften Zimmer und sterben, einander Geschichten ins Ohr flüsternd, eng umschlungen. Beide sind sich darin einig, dass ihr täglicher Widerstand so schön wie irgend möglich sein muss – womit sie das Programm des Romans benennen.

Leichthändig und witzig lässt Darvasi Elend und Empörung, prekäre Schönheit und politische Hoffnung verschmelzen. So wird Imre, der Pflanzenforscher, für seinen Vortrag über die Flora auf den Schlachtfeldern des Freiheitskrieges zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Und Klara fällt auf offener Straße dekorativ, aber wie Penthesilea unerbittlich beißend und küssend über den Polizeispitzel aus Wien her, der sie bewundert.

Auch wenn der Roman aus vier großen, den zentralen Figuren gewidmeten Kapiteln besteht – im Kopf des Lesers entfaltet er sich als Triptychon. In der Mitte steht die empfindsame und exzentrische Klara, umrahmt von ihrem spleenigen Mann und dem klugen Eigenbrötler Dr. Schütz, der Zugang zu allen Häusern hat und gern mit brutaler Ehrlichkeit in die Handlung eingreift. Auf dem linken Flügel treiben Imres Brüder Peter und Adam ihr Unwesen. Sie tragen den Geruch des Krieges in Klaras Haus und feiern mit ihr atemlose Liebesrituale. Rechts erstreckt sich das Reich der Geister, Wiedergänger und Heimatlosen. So laufen in Szeged, wo vom Klang der Grasmusik und den unberechenbaren Kräften des Wassers erzählt wird, alle Fäden zusammen.

Mit seinem Roman „Esti“ hat Péter Esterházy kürzlich einen mit allen Sprachmitteln gegen die Verrohung kämpfenden, modernen Don Quichote erfunden. Ähnlich emphatisch beschwört nun László Darvasi den Verstand seiner drei Hauptfiguren gegen alles nationalistische Gebrüll. Klaras Vater, der an der Gesellschaft verzweifelt und darüber zum Säufer wurde, sagt es so: „Eine Kirche, einen Glauben, einen Prediger wirst du immer finden, doch für unsereinen bleibt nur die Gnade der Widerspenstigkeit.“

László Darvasi:

Blumenfresser.

Roman. Aus dem

Ungarischen von

Heinrich Eisterer.

Suhrkamp Verlag,

Berlin 2013.

860 S., 26,95 €.

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