Kultur : Klasse Knochen

Jazzfest Berlin: Auftakt mit Maceo Parker

Gregor Dotzauer

Weg mit den alten Orthodoxien, heißt auch in der Musik die Devise. Weg mit dem Glauben, dass Jazz als Jazz erhalten bleiben müsse, Pop als Pop und Klassik als Klassik. Alle Grenzen sind von gestern, und programmatische Synthesen wie weiland Gunther Schullers Third Stream, bei denen der Jazz in orchestralen Glanz gebettet wird und das klassische Orchester in ein Improvisationsumfeld, nicht mehr nötig. Wenn man den Amerikaner Vince Mendoza und sein kammermusikalisches „Blauklang“-Projekt (ACT Records) als zeitgemäße Verkörperung dieser Fusionsästhetik nimmt, hat die Selbstverständlichkeit der Entgrenzung zwar Fortschritte gemacht, doch zu welchem Preis?

Mendoza ist ein ausgezeichneter Arrangeur, der unter anderem für Björk und Joni Mitchell gearbeitet hat – als Komponist ist er allenfalls ein in Klangfarben und -flächen schwelgender Kunsthandwerker, der sich auf alle Spielarten des zeitgenössischen Jazz virtuos versteht. Weitgehend durchnotiert, wie seine Partituren sind, fehlt seiner Musik aber sowohl dramatische Substanz wie ein tieferer konstruktiver Gedanke. Sie überholt – mit einem Streichquartett und elfköpfiger Jazzbesetzung – Igor Strawinsky gewissermaßen von links und Gil Evans von rechts – und kommt doch nur in einem wohlklingenden Niemandsland an. Auch live, am ersten Konzertabend des Berliner Jazzfests im Haus der Berliner Festspiele, verdichtet sich die Energie nur für Momente. Denn mit Trompeter Markus Stockhausen, Gitarrist Nguyên Lê, Vibraphonist Christopher Dell und Drummer Peter Erskine hat Mendoza erstklassige Musiker.

Nach der Pause eine Explosion an guter Laune. Ein Naturereignis in saftigen Blues-, Soul- und Gospelformen. Eine konservative Revolution. Das gesammelte Blech der 18-köpfigen WDR Big Band unter ihrem Chefdirigenten Michael Abene schießt die ersten Synkopen ihres „Tribute to Ray Charles“ in den Saal, und als dann von der Seite noch ein sonnenbebrillter Herr unbehände schenkelklopfend auf die Bühne wankt, als wäre eben jener Ray Charles noch einmal auferstanden, gibt es kein Halten mehr.

Maceo Parker, nach einem halben Leben bei James Brown und als Missionar seines eigenen Funk’n’Soul mit 65 Jahren schon fast auf dem Altenteil, ist zurück. Der ölige Strahl seines Altsaxophons funkelt munter wie eh und. Doch noch mehr fährt einem die krächzende Inbrunst in die Knochen, mit der dieser Entertainer Charles-Klassiker wie „You Are My Sunshine“, „Busted“, „You Don’t Know Me“ oder Hoagy Carmichaels „Georgia On My Mind“ intoniert und sofort über alles rein Imitatorische hinaushebt. „Roots & Grooves“ (Intuition), das Album, das dieses WDR-Projekt dokumentiert, hat nicht zu Unrecht kürzlich den German Jazz Award erhalten. Gregor Dotzauer

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