Kultur : Klassenkampf mit Klebstoff und Schere

Ein Spanier in Ost-Berlin: Das Berliner Instituto Cervantes würdigt den Agitprop-Künstler Josep Renau mit einer Ausstellung

Philipp Lichterbeck

Pikant, was das Berliner Instituto Cervantes da zeigt. 17 Jahre nach dem Ende der DDR stellt die spanische Kulturvertretung die antiwestlichen Propagandawerke Josep Renaus aus. Der kommunistische Künstler aus Valencia lebte die längste Zeit seines Lebens in Ost-Berlin. Auf einer Fotomontage von 1962 etwa züngelt der bundesrepublikanische Adler mit Schlangenkopf und Hakenkreuz an den DDR-Werktätigen. Das Instituto Cervantes hat 78 Fotomontagen Renaus aus Valencia zurück nach Berlin geholt. Anlass ist der 100. Geburtstag des Künstlers, einer Schlüsselfigur der spanischen Kunst des 20. Jahrhunderts: Mit 29 reiste Renau mitten im spanischen Bürgerkrieg als Generaldirektor der Schönen Künste nach Paris, um Picasso den Auftrag für „Guernica“ zu erteilen: Das Werk solle die Aggression des Franco-Faschismus anprangern. Ebenso folgenreich war Renaus Entscheidung, die Kunst des Prado vor den Bomben der Faschisten zu schützen. Er ließ die Gemälde erst nach Valencia, dann in die Schweiz bringen.

Ironie der Geschichte: Heute sind Renaus Werke bedroht. In Halle-Neustadt wird derzeit über die Restaurierung eines 30 Meter hohen Wandmosaiks gestritten. Renau gilt noch heute als starrhalsiger Propagandist. Dabei entsprang sein Engagement einem unerbittlichen Gerechtigkeitsdrang. Schon als Jugendlicher dokumentierte er mit der Kamera die Armut der Bauern und Fischer Valencias. Die Bilder der Surrealisten, der deutsche Dadaismus und John Heartfield bringen ihn zur Grafik, zur Malerei und schließlich politischen Fotomontage. Renau ätzt gegen die verlogene katholische Kirche, Großgrundbesitzer und Kapitalisten. Er gründet in Valencia die Zeitschrift „Nueva Cultura“ und steigt nach dem Wahlsieg der Volksfront 1936 schnell in der politischen Hierarchie auf.

Zeit seines Lebens hängt er den Idealen der Republik nach. Fast vierzig Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs montiert er in der DDR das „Selbstbildnis des Großkapitals“ mit Banksafe als Kopf, Knarre im Gürtel und Totenköpfen im Hintergrund. Es ist die technisch gelungenste Collage im Instituto Cervantes, wenngleich im typisch demagogischen Stil. Renau wusste Freund und Feind gründlich voneinander zu trennen.

Ab 1939 lebte der Künstler im mexikanischen Exil, wo er mit dem kommunistischen Wandmaler David Alfaro Siqueiros kollaborierte, der am Mordanschlag auf Trotzki beteiligt war. Er entwirft Plakate für Gewerkschaften, schafft Wandmalereien für die Eisenbahn und entgeht zwei Mordanschlägen, die in den USA in Auftrag gegeben worden waren, wo seine Serie „The American Way of life“ über Armut und Ausbeutung übel aufstößt. Renau siedelt 1958 in sicherere Ost-Berlin um, arbeitet für die Zeitschrift „Eulenspiegel“, gibt Kunstunterricht. Die DDR-Führung gibt bei ihm Wandmosaike in Auftrag. Nach Ende der Franco-Diktatur zieht Renau wieder nach Spanien und kehrt doch bald nach Ost-Berlin zurück, wo er 1982 stirbt. Die kontroverse Schau zeigt einen Künstler des Kalten Krieges, der nie ins Museum wollte. Ein Scheibchen seiner Unbedingtheit könnte sich mancher Künstler auch heute noch abschneiden. Philipp Lichterbeck

Instituto Cervantes, Rosenstr. 18–19, bis 14. 12.; Mo.–Do. 12–19 Uhr; Fr. 12–18 Uhr.

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