Klassik : Ach, diese Kanaillen!

Spiel, Satz, Sieg: Ein wirklich kämpferisches Konzert zum 300. Geburtstag von Friedrich II. in der Philharmonie.

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Karikaturist Rattelschneck besuchte das Konzert mit unserer Kritikerin. Die Zeichnung entstand für den Tagesspiegel.
Karikaturist Rattelschneck besuchte das Konzert mit unserer Kritikerin. Die Zeichnung entstand für den Tagesspiegel.

Soviel Leben ist selten in einem so gemütlichen Genre. Zu einer Art Alte-Musik- Battle kommt es beim „Konzertgespräch post mortem“ aus Anlass von Friedrichs 300. Geburtstag in der Philharmonie. Kombattanten sind die Berliner Barock Solisten unter Gottfried von der Goltz (links auf der Bühne) und die Akademie für Alte Musik unter Midori Seiler (rechts). Dazwischen sitzen, auf goldschimmernden Lehnstühlen und nicht weniger kompetitiv eingestellt, Friedrich II. und sein Brieffreund Voltaire, vertreten durch Armin Mueller-Stahl und Burghart Klaußner. Diese beiden lassen glücklicherweise kein Konkurrenzgebaren erkennen, wahrscheinlich, weil Mueller-Stahl die Würde des Älteren ausstrahlt und außerdem den Jubilar selbst vertritt.

Im Vergleich mit dem Schleier über seinem Timbre und den vehementen s- und t-Lauten („sündhaft teuer!“ bezischt er als Friedrich „die ganze Kanaillenbagage der Opernleute“) nimmt sich Klaußners Stimme jugendlich aus, wie überhaupt dieser zum Geschehen gekommen scheint wie ein Tagesschausprecher ans Pult. Womöglich eine gewisse Reserve gegenüber dem Genre der rekonstruierten Unterhaltung, schließlich hat Wolfgang Knauer, der das Gespräch geschrieben hat, kein Tonbandgerät aufstellen können, sondern auf den Briefwechsel zwischen Friedrich und Voltaire zurückgegriffen.

Dass die beiden Hochberühmten einander in Hassliebe verbunden waren, ist überliefert. Politik, Religion, Kunst sind nun ihre Themen, daneben das Kleingemüse der Rivalität: Voltaire klagt, „ich muss seine Verse durchsehen, er schickt mir seine schmutzige Wäsche zum Waschen“, meint aber zu Friedrich: „Ich liebte eure Poesie“. Friedrich wiederum lässt sich Voltaires Intelligenz und rhetorische Brillanz gefallen, findet aber trotzdem, dass er ihn überbezahlt habe. Zwischendrin fordern sie einander zum Musikhören auf, „wie damals in Sanssouci“, und dann erklingen im völlig ausverkauften Saal Orchesterwerke, darunter eine Sinfonia von Friedrich II. selbst, mit einem selbstverständlich sehr flötenlastigen Adagio, dazu ein Konzert seines Lehrers Johann Joachim Quantz und eines von Carl Philipp Emanuel Bach: Gute, funktionstüchtige Musik bei Hofe, heute mitunter etwas langatmig, besonders in der Wiedergabe durch die Akademie für Alte Musik, die in der Gemächlichkeit der zweiten Sätze nicht selten verlorengeht.

Im direkten Vergleich mit den Berliner Barock Solisten sieht die Akademie, pardon, ohnehin alt aus. Grauns groß besetzte Sinfonia D-Dur mit Hörnern und Trompeten tönt nach Rumpelkammer, trocken und unsauber. Das Laut-leise- Spektrum bleibt flach. Christoph Huntgeburths Solo in Quantz’ Flötenkonzert, das zarte Timbre seines Instruments und die vielen Verzierungen verlieren sofort gegen die linkerhand gebotene Übermacht von Jacques Zoons sonorem, rückgratstarken Flötenton und seine wahnwitzige Virtuosität in Bachs Flötenkonzert. Außerdem drohen die Berliner Barock Solisten mit Glanz, Geschlossenheit und feinnerviger Interpretation.

Spiel, Satz, Sieg also, 1:0 für die Mannschaft links.

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