Klassik : Auf Landpartie

Nach Wittstock an der Dosse kommt einer der berühmtesten Geiger der Welt, Gidon Kremer, um in der märkischen Kreisstadt ein Solo zu geben.

Sybill Mahlke

WittstockNach Wittstock an der Dosse kommt einer der berühmtesten Geiger der Welt, Gidon Kremer, um in der märkischen Kreisstadt ein Solo zu geben. Das sind des Märkers Freuden heute, dass die samstägliche Nachmittagsstille von den einfallenden Berlinern aufgemischt wird, die das Ereignis miterleben wollen. Oder mitgestalten: Denn neben den Sponsoren und dem Tross der Medienpartner von RBB Fernsehen/Kulturradio ist das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin angereist. Diesen Kulturaustausch, um den sich Gespräche bei Kaffee und geführte Besichtigungen ranken, ermöglichen die „Brandenburgischen Sommerkonzerte“ nun schon im 17. Jahr. Von Joachim Pliquett, DSO-Solotrompeter, künstlerisch gestaltet, umfasst das Angebot für viele etwas: Filmorchester Babelsberg in Eisenhüttenstadt oder h-Moll-Messe mit dem RIAS-Kammerchor in Chorin, Windsbacher Knaben in Potsdam, RSB mit Janowski in Jüterbog, Gedenkkonzerte für Hedwig Bollhagen und Paul Gerhardt, in Perleberg musikalischen Nachwuchs, dessen Auftritte Tagesspiegel-Redakteur Frederik Hanssen moderieren wird.

In der Marienkirche Wittstock wollte Gidon Kremer die „Klassiker auf Landpartie“ mit einer Uraufführung konfrontieren: dem Violinkonzert „Styx“ von Gija Kantscheli. Als Habakuk Traber in seiner Konzerteinführung erklärt, dass die Novität entfallen müsse, reagiert das Publikum mit einer sympathischen Mischung aus „Oh!“ des Bedauerns und freudigem „Ah!“, weil als Ersatz Beethovens Siebente angekündigt wird. In der Tat hätte ein Chor, wie ihn das Werk „Styx“ erfordert, hinter dem Orchester vor dem schönen Schnitzaltar kaum Platz gefunden. Und Kantschelis Violinkonzert ist weitgehend identisch mit dessen Bratschenkonzert gleichen Titels. So spielt Kremer in der gotischen Backsteinhallenkirche das Sibelius-Konzert, indem er jeder musikalischen Figur Charakter gibt, echtes Solistengold. Es sind die großen Interpreten, die dem Hörer solche Musik nahebringen, weil bei ihrer Virtuosität das scheinbar Leichte am spannendsten ist.

Im DSO dominieren neue junge Gesichter. Umso erstaunlicher, wie der estnische Dirigent Eri Klas in „Fratres“ von Arvo Pärt das Streichorchester zu einer harmonisch schwingenden Einheit bindet. Klas ist ein Musiker vom Typ getreuer Kapellmeister, kein Präzisionsfanatiker, für die „Apotheose des Tanzes“ ein kompakter vehementer Dirigent. Aber er schafft in der Beethovensymphonie einen feinen Übergang vom langsamen Eingang ins Vivace und hält sich überhaupt an die dynamischen Vorschriften des Leisen. So bekommt das Allegretto bei ihm ein graziles Element ohne Trauerklage. Und er versteht Pianissimo als Ausdruck, wenn er das Fugato in sanften Händen hält. Von Sybill Mahlke

www.brandenburgische-sommerkonzerte.de

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