Klassik-CD  der Woche : Allerletzte Worte

Im August 2013 dirigierte Claudio Abbado beim Lucerne Festival Anton Bruckners neune Sinfonie. Was keiner im Saal damals ahnte: Es sollte sein letzter Auftritt werden.

von
Das CD-Cover
Das CD-CoverFoto: promo

Natürlich lässt sich diese CD nicht objektiv anhören. Es handelt sich schließlich um die letzte Aufnahme von Claudio Abbado, dem vielgeliebten Dirigenten, der im Januar, 80-jährig, den Folgen seiner Krebserkrankung erlegen ist. Unwillkürlich also lauscht das Ohr nach Zwischentönen, die auf den Abschied verweisen könnten, auf ein ultimo addio.

Dass Claudio Abbado im August 2013 zwei unvollendete Werke interpretiert hat, beim Lucerne Festival, mit jenem Ensemble, zu dem sich dort seit 2003 allsommerlich seine Musikerfreunde zusammenfanden, macht die Angelegenheit emotional noch heikler. Schuberts „Unvollendete“ erklang jeweils zu Beginn des Programms, dann folgte Anton Bruckners neunte Sinfonie, deren Finalsatz man beim Tod des Komponisten 1896 nur in Skizzenform vorfand.

Allein den Mitschnitt dieser Neunten, die ja schon in der Dreisätzigkeit eine gute Stunde dauert, hat die Deutsche Grammophon nun herausgebracht – und selbstverständlich ist hier kein klingendes Testament zu vernehmen. Weil zu diesem Zeitpunkt weder Claudio Abbado noch irgendjemand im Saal ahnte, dass es sich hier um sein Abschiedskonzert handeln würde.

Mit himmlischem Hauch und apokalyptischem Feueratem weht einen diese Musik an, kraftvoll, energetisch, in jedem Moment frei fließend. Man spürt, wie sehr die Instrumentalisten ihrem Dirigenten zugetan sind. Man hört, wie sie mit höchster Aufmerksamkeit füreinander musizieren, ganz wie es Abbados Ideal entprach. Dadurch wiederum kann die Interpretation jenen Zug ins Metaphysische entwickeln, den Abbado-Verehrer so sehr schätzen.

Mit dieser transzendierenden Deutung scheint Claudio Abbado ein letztes Mal Claude Debussy recht geben zu wollen, für den Musik ja „der Raum zwischen den Noten“ war. In aller Stille, ganz ohne den dankbaren Applaus, der damals in Luzern aufbrandete, endet dieser Livemitschnitt.

Erschienen bei Deutsche Grammophon.

0 Kommentare

Neuester Kommentar