Klassik-CD  der Woche : Blut und Sehnsucht

Tugan Sokhiev, der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, ist ein großer Bewunderer des Komponisten Sergej Prokofjew. Jetzt hat er dessen Oratorium "Iwan, der Schreckliche" eingespielt.

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Das CD-Cover
Das CD-CoverFoto: promo

Was war so schrecklich an Ivan IV., der sich 1547 als 16-Jähriger krönen ließ und als erster Herrscher Zar nannte? Dass sein Hass den Bojarenfürsten galt, die seine Eltern ermordeten, ihn in grausamer Härte erzogen und das Land ausbeuteten? Ivan einte sein Reich, indem er die Großgrundbesitzer abschlachten ließ. Dafür verehrte und fürchtete man ihn. Stalin schien das ein geeigneter Filmstoff zu sein, und er ließ Eisenstein einen monumentalen Dreiteiler konzipieren, der ab 1943 gedreht wurde. Prokofjew sollte die Musik komponieren. Doch nur der erste Teil kam 1945 in die Kinos. Teil zwei wurde erst nach Stalins Tod gezeigt. Der dritte Teil wurde nie gedreht.

Um Prokofjews Filmmusik für den Konzertsaal zu retten, schuf Abram Stassewitsch 1961/62 ein Oratorium aus dem Ivan-Material. In ihm lauscht man vergeblich nach kritischen Tönen. Vielmehr ist die machtvolle Musik geprägt von Sehnsucht: der Ivans nach dem Meer, von dem ihm die Amme sang, sowie der des Volks nach einem Führer. Im Finale bittet es Ivan hymnisch, als Zar nach Moskau zurückzukehren. Starker Tobak, von Prokofjew in skrupellose Klänge gefügt. Tugan Sokhiev legte „Ivan der Schreckliche“ gleich in seiner ersten Spielzeit als Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters auf die Pulte. Die Liveaufnahme erscheint nun als CD – und macht stumm vor Staunen. Mit welcher Klarheit tritt dieser Dirigent vor seine Musiker, beflügelt sie zum ganz großen Atem, zu gleißender Härte und sakralem Leuchten. Im Rundfunkchor Berlin findet Sokhiev zudem einen hingebungsvollen Mitstreiter mit untrüglichem Gespür für klingende Weiten. Die Rolle des Erzählers ist gestrichen, sonst könnte man dieses Ivan-Oratorium wohl auch kaum hören. Sein dunkles Glimmen, seine überwältigende Ambivalenz, enthüllt Sokhiev quasi nebenbei – und schrecklich elegant dazu.

Erschienen bei Sony

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