Klassik-CD  der Woche: Igor Levit : Gelassene Dringlichkeit

Igor Levit ist einer der interessantesten Pianisten der jüngeren Generation. Auf seiner neuen CD widmet er sich den Partiten BWV 825 - 30 von Johann Sebastian Bach - und lässt den Tanz-Suiten ihr Geheimnis.

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Das CD-Cover Foto: Promo
Das CD-CoverFoto: Promo

Wer im Mai „2 x hören“ im Konzerthaus besucht hat, sah sich einem hellwachen Igor Levit gegenüber, der bei aller rhetorischen Schlagfertigkeit angenehm reflektiert bleibt. Statt sich von den Suggestivfragen des Moderators irritieren zu lassen, demonstriert er lieber, wie Beethovens letzte Klaviersonate von Bachs „Es ist vollbracht“-Arie durchzogen ist und auf der schwachen Taktzeit endet, mithin kein Schwanengesang ist, sondern ins Weite, Offene strebt. Es ist der Auftritt eines Musikers, der seine Vorstellungen nicht nur mit Tönen, sondern auch mit Worten elegant kommunizieren kann. Die Karriere des 27-jährigen Deutsch-Russen entwickelt sich rasant, Levit gehört mit Daniil Trifonov zu den angesagtesten Pianisten der jungen Generation. Wovon er sich erfreulicherweise nicht den Kopf verdrehen lässt.

Der Abend im Konzerthaus wirkt, im Nachhinein, wie eine Ankündigung: Dass Levit, nachdem er sich auf seiner ersten CD mit Beethovens späten Klaviersonaten auseinandergesetzt hat, jetzt den Weg weiter beschreiten würde zu Bach. Aber nicht etwa zum „Wohltemperierten Klavier“, für das er sich gerne noch etwas Zeit nehmen darf. Sondern zu den sechs Partiten BWV 825-830, die Bach um die Jahreswende 1726/27 geschrieben hat. Da war er schon vier Jahre Thomaskantor, doch den Leipzigern fehlte das Verständnis für seine geistlichen Werke, etwas leicht Vermarktbares musste her. Partiten, das sind in Bachs Verständnis nichts anderes als Suiten aus Tanzsätzen. Aus der funkelnden Formenvielfalt, mit der er diese „Clavierübungen“ ausstattete strahlt das, wofür Martin Geck im Beiheft die wunderbare Formulierung „gelassene Dringlichkeit“ findet. Sie umschreibt auch Levits Spiel passgenau.

Die Musik bleibt in der Schwebe, Levit lässt ihr ein Geheimnis, am eindringlichsten in der Allemande der vierten Partita in D-Dur, dem mit über 11 Minuten längsten Stück des Zyklus. Dann wieder der luzide, kristalline hohe Anschlag, prägend bis zur letzten Nummer, der Gigue der sechsten Partita. Ein selbstbeobachtendes Spiel, forschend, Pfade ausschreitend. Wir hören einen, der wissen und lernen möchte – und dem man das auch glaubt. Das Cover bringt es auf den Punkt: Hochkonzentriert, mit liebendem Kopf neigt sich Levit dem Flügel zu. Den Vortritt lässt er den vier großen Buchstaben BACH. Aber er verschwindet nicht in ihnen.

Erschienen bei Sony

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