Klassik-CD der Woche: Petite Messe Solennelle : Kleine Messe, ganz groß

Der Chor des Bayerischen Rundfunks hat unter der Leitung von Peter Dijkstra eine beglückende Aufnahme von Rossinis „Petite Messe Solennelle“ vorgelegt.

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Gioachino Rossini: Petite Messe Solennelle
Gioachino Rossini: Petite Messe SolennelleFoto: promo

Schon der Titel zeigt an, dass es sich beim Verfasser um einen Menschen mit Humor handelt: Petite Messe Solennelle nennt Gioachino Rossini sein Werk – „kleine feierliche Messe“. Nun ja: Angesichts einer Aufführungsdauer von 80 Minuten scheint Ersteres leicht untertrieben. Und was das zweite Adjektiv betrifft, so erwartet man von einem Komponisten, der mit dem „Barbier von Sevilla“ berühmt geworden ist, mit der „Italienerin in Algier“ und dem „Türken in Italien“, eher keine weihevolle Sakralmusik.

34 Jahre liegt die Uraufführung seiner letzten Oper „Wilhelm Tell“ schon zurück, als der Wahl-Pariser und bekennende Liebhaber aller irdischen Freunden 1863 die Musikwelt mit seiner Messe verblüfft. Einem Werk, das absolut ernst gemeint ist – und doch den Unterhaltungsprofi, den genuinen Theatermann nie verleugnet. Einschließlich der vier Solisten genügen ihm 12 Sänger, die von zwei Klavieren und einem Harmonium begleitet werden, um eine der schönsten, abwechslungsreichsten Vertonungen des lateinischen Kirchentextes zu schreiben.

Mit deutlich mehr Sängern hat der Chor des Bayerischen Rundfunks jetzt unter der Leitung seines Chefdirigenten Peter Dijkstra eine beglückende Aufnahme der „Petite Messe Solennelle“ vorgelegt. Als Lokalpatriot wundert man sich ja immer etwas, dass auch außerhalb von Berlin grandiose Ensembles musizieren. Aber wie die BR-Choristen ganz ätherisch das „Kyrie“ anstimmen, wie sie im „Gloria“ ihre „Amen“-Rufe in den Raum jubeln und die Fugato-Passage des „Cum sancto spiritu“ dann vokal geradezu durchtanzen, das hat wirklich Weltklasse.

Einen klugen Kontrast zum geschmeidigen Chorklang setzten Yaara Tal und Andreas Groethuysen an den Klavieren: klar, geradlinig, strukturierend. Aber nie stur: Bewusst opernhaft feuern sie Tenor Eric Cutler bei seiner Arie zum heldischen Auftrumpfen an und scheuen auch nicht den weichzeichnenden Pedalgebrauch, wenn Rossini im „Crucifixus“ Edelkitsch à la Charles Gounod komponiert. Die ganze verwirrende Vielgesichtigkeit der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert spiegelt sich so in dieser Aufnahme wider: Regula Mühlemanns „O salutaris hostia“ könnte glatt als mondäner Walzer durchgehen, das nachfolgende „Agnus Dei“ klingt bei Anke Vondung dann wieder zutiefst religiös, von ehrlichem Glauben getragen. Hier kann eben jeder nach seiner Facon selig werden.
Erschienen bei Sony Classical

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