Kultur : Klassik: Das Leben ist schon ernst genug

Frederik Hanssen

Die Wunde ist wohl noch zu frisch. Obwohl das Debütkonzert der "Kammerakademie Potsdam" offiziell ausverkauft war, blieben viele Sessel im Nikolai-Saal leer: Ein Großteil der lokalen Prominenz, die von der Kultur-Beigeordneten Tickets für das freudige Ereignis zugeschickt bekommen hatte, machte durch demonstratives Fernbleiben deutlich, dass viele Potsdamer ihr neues Klassik-Ensemble nicht als das ihre ansehen. Der Grund: Nachdem die Stadtverordneten vor zwei Jahren beschlossen hatten, die Brandenburgische Philharmonie aufzulösen und durch das billigere Konstrukt eines Kammerorchesters in freier Trägerschaft zu ersetzen, wurde unter den Bewerbern ein Zusammenschluss des Potsdamer Persius-Ensembles mit dem Berliner Ensemble Oriol ausgewählt. Dass in der brandenburgischen Landeshauptstadt Instrumentalisten von jenseits der Havel den Ton angeben sollten, vergrätzte allerdings die Lokalpatrioten.

Pech für sie: Sie verpassten den fulminanten Auftakt einer neuen Ära der Potsdamer Musikkultur. Mit der Kammerakademie nämlich besitzt die Stadt nun ein Orchester für das 21. Jahrhundert, das hervorragend zu dem vor einem Jahr eröffneten Nikolai-Saal in der Wilhelm-Staab-Straße passt. Wie der französische Architekt Rudy Ricciotti mit seiner verspielt-postmodernen Neudeutung des traditionsreichen Veranstaltungsortes einen Treffpunkt von großstädtischem Flair geschaffen hat, dessen ebenso witziges wie elegantes Ambiente jeder hauptstädtischen Bar-Lounge zur Ehre gereichen würde, so präsentierte sich auch das brandenburgisch-berlinische Fusionsprojekt: als exquisites, aufgeschlossenes Ensemble von feinster Spielkultur.

Neugier und Aufmerksamkeit fordert die Kammerakademie in ihren klug zusammengestellten Programmen vom Publikum - da machte man auch beim Debütkonzert keine Ausnahme: zweimal Mozart, kombiniert mit Arnold Schönberg. Doch Jolyon Brettingham-Smith, der den Abend mit wunderbarem englischen Charme moderierte, beruhigte die Zweifler. Bei Schönbergs "Verklärter Nacht" handelt es sich nämlich um ein Frühwerk des Meisters vor der Erfindung der Zwölfton-Musik. Dass Schönberg hier die Verschmelzung der Stile von Johannes Brahms und Richard Wagner gelingt, führten die Streicher der Kammerakademie vor Ohren. In sublimen Klangschattierungen leuchtend, elegant selbst noch in der Ekstase, machten die Künstler - wie zuvor ihre Bläser-Kollegen in Mozarts Divertimento KV 186 - deutlich, was von diesem Orchester zu erwarten ist: eine Ästhetik des Delikaten, die Effekthascherei meidet und sich zu kunstvoller Künstlichkeit bekennt. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch heiter zugehen kann, wie in Mozarts Konzert für Violine und Viola, das die Musiker unter ihrem Chefdirigenten Peter Rundel zusammen mit den berückenden Solisten Renaud Capuçon und Gérard Caussé zu einem geistreichen Konversationsstück von mitreißender Lebendigkeit machten.

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