Klassik : Die Kirche im Castorf lassen

Sebastian Baumgarten mixt an der Komischen Oper Mozarts "Requiem“ mit Texten von Armin Petras - mit gemischtem Erfolg.

Frederik Hanssen

Am Anfang dieses „Requiems“ gibt’s erst mal was zu Lachen: Der Schauspieler Herbert Fritsch hält als bezahlter Trauerredner eine Laudatio aus der Phrasendreschmaschine, so kalt, zynisch, seelenlos, dass viele Premierengäste ihre Beklemmung durch Kichern abschütteln müssen. Fritsch salbadert ungerührt weiter, bis der Tote selber dazwischengeht: Hendrik Arnst poltert, das sei doch alles ganz anders gewesen in seinem Leben. Eine Flüsterstimme raunt aus dem Off, Videoleinwände in den Proszeniumslogen zeigen an, dass wir uns im Vivantes-Klinikum Hellersdorf befinden. Mozarts „Introitus“ setzt ein, während oben weitergeredet wird. Da springen unvermittelt die Choristen aus den vorderen Parkettreihen auf, lassen den Saal erdröhnen.

Es sollte eine Großtat gleich zu Saisonbeginn werden. Die Komische Oper verpflichtet den derzeit am heißesten gehandelten jüngeren deutschen Musiktheaterregisseur, sich mit einem Thema auseinanderzusetzten, das in der Luft liegt: Sebastian Baumgarten wagt sich in die Regionen des Spirituellen, entwirft eine szenische Vision für Mozarts „Requiem“, am Pult steht dabei der Senkrechtstarter- Maestro Markus Poschner, und Maxim- Gorki-Chef Armin Petras liefert Texte, freie Verarbeitungen von Gesprächen, die Jan Kauenhowen mit Todkranken geführt hat. Wow, da wollte jeder dabei sein, Filmemacher Andreas Dresen, Schauspieler Ulrich Matthes, Regiealtmeister Hans Neuenfels samt Elisabeth Trissenaar und viele, die man sonst eher im Genregrenzen sprengenden „Hebbel am Ufer“ sieht.

Lange aber hält die Neugier nicht an, denn schnell ist klar: Baumgarten hat sich entschlossen, die Kirche im Castorf zu lassen. Er nudelt die alte Volksbühnen- Leier ab, genauso inspiriert wie sein Trauerredner. Mit Schauspielern, die pikanterweise nach treuem Dienst am Rosa-Luxemburg-Platz abserviert worden – oder geflohen sind. Kathrin Angerer lässt sich auf dem U-Bahnhof von einer Neandertalerhorde bedrängen, Irm Hermann als kaisertreue Chefsekretärin von einem Pickelhauben-Supermann in rotem Schlüpfer heimholen. Eine „Rocky Horror Requiem Show“ mit wackligen Handkamerafilmchen, Gummimaskenmonstern, Slapstick um einen Pappsarg zum Selberzusammenbauen, Erzengeln als Möbelpackern, einer Polonaise durch die Krankenhauskapelle und Massenselbstmord am Berg Sinai. Wenn aus dem Mund eines der interviewten Moribunden der Satz fällt: „Ich bin doch nicht der komische Opa!“, hat das Trauerspiel seinen Höhepunkt erreicht.

Sebastian Baumgarten gehört zu jenen Regisseuren, die auf Nietzsches „Gott ist tot“ nur antworten können: Na und? Ich kenn’ den Typen nicht. Der einzige Schöpfer, den er akzeptiert, ist er selber. Die Verlage müssten endlich zulassen, dass Regisseure Opern als freies Spielmaterial verwenden, wie Popsongs mixen und sampeln dürfen, erklärt er gerne.

Calixto Bieitos Skandalinszenierungen sind das Resultat eines Sich-Abarbeitens an der katholischen Kirche, Christoph Schlingensiefs Provokationen entspringen einer tiefen Hassliebe zu allem Kultischen. Der Atheist Baumgarten aber steht der Religion gleichgültig gegenüber. Und findet folglich auch keine Reibungsflächen. Es gibt in diesem quälenden, langweiligen Zwei-Stunden-Abend nicht einen berührenden Moment – auch weil sich Szene und Musik nie berühren. Mozarts Messe wird zum Soundtrack degradiert, zur Klangtapete. Dass dieses Werk die Kraft hat, Trost zu spenden, Trauer leichter erträglich zu machen, aber auch den Gedanken an die Endlichkeit des eigenen Lebens, scheint in der Komischen Oper nicht auf, so sehr sich Dirigent Markus Poschner auch um Koordination und Klarheit müht, so engagiert Brigitte Geller, Elisabeth Starzinger, Peter Lodahl, Dimitry Ivashchenko und der exzellente Chor das Werk gegen die szenischen Zumutungen verteidigen.

Mit einer schrillen Dissonanz endet hier die Schlussfuge nach wenigen Takten, dort, wo Mozart leblos über der Partitur zusammengebrochen ist. Schade, denn so bleibt die Botschaft ungehört, die Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr in das Finale hineinkomponierte: Aus dem lateinischen Text der sich kreuzenden Stimmen klingen auf mirakulöse Weise tatsächlich die deutschen Worte heraus: „Mozart ist tot!“ Andererseits – darauf muss bei dieser Aufführung nun wahrlich nicht hingewiesen werden.

Wieder am 1., 5., 8., 13. und 17. Oktober.

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