Klassik : Die Philharmoniker unter Claudio Abbado mit Mendelssohn und Berlioz

Im Juni wird Maestro Claudio Abbado 80 Jahre alt. Mit den Philharmonikern intonierte er Mendelssohn und Berlioz - agil wie je.

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Ein schönes Ritual, jedes Jahr im Mai: Claudio Abbado nimmt die Ovationen der Berliner entgegen, umarmt den scheidenden Konzertmeister Guy Braunstein, schlängelt sich durch die Reihen zu den famosen Holzbläsern, lässt sich feiern. Sein früheres Orchester, das Publikum, sie liegen ihm alle zu Füßen. Berlioz’ „Dies Irae“-Glocken hatten hoch oben direkt unter dem Zeltdach der Philharmonie geschlagen; zu den irdischen Heerscharen der Abbado-Fans gesellten sich Himmelsklänge, als gelte es Gott persönlich. 

Der Maestro - im Juni wird er 80 - ist agil, hellwach wie je. Vor der Symphonie fantastique beschert er seinen Anhängern Ausschnitte aus Mendelssohns Bühnenmusik (mit Deborah York, Stella Doufexis und den Damen des Bayerischen Rundfunk-Chors). Bildersatte, sinnestrunkene Musik auch dies, aber so federleicht, dass man ihre Datierung größtenteils nach Berlioz kaum glauben mag. Abbado betont zunächst die Zeitgenossenschaft von Mendelssohns Elfenspuk (1826/1843)  und Berlioz’ Höllentrip (1830): das Naturreligiöse der Hornsoli, das Rumoren der Mittelstimmen, das sanfte Vorwärtsdrängen, den organischen Pulsschlag. Bevorzugte Lautstärke: Mezzoforte. Abbado hält die Zügel in der Hand, animiert die Philharmoniker bei aller Hingabe zum hochkonzentrierten Spiel. Mendelssohns abgenudelten Hochzeitsmarsch frischt er mit hüpfenden Synkopen auf: Dieses Brautpaar hat es eilig auf dem Weg zum Altar, es will wohl bald das Tanzbein schwingen.

Das Unerhörte am späten Abbado ist seine Kunst, Natur und Geist, Eleganz und analytische Klarheit, Schönheit und Grausamkeit zusammenzubringen. Er verzichtet auf den schwindelerregenden Schwung, wie ein Simon Rattle ihn in der Ballszene freisetzt, und weitet die Traumwelt zur Todeszone. Abbado akzentuiert und interpunktiert bis über die Schmerzgrenze, wetzt mörderisch scharfe Messer. Die schroffen Einwürfe des Blechs beim Gang zum Richtplatz, die unaufhörlichen Sforzato-Attacken und bizarren Instrumentationswechsel atomisieren das Werk. Am Ende steht der Sabbat-Tanz als gewaltige, kantig-abstrakte Skulptur im Raum. Musik, die ihren eigenen Sinn zerstört, nicht das übliche Berlioz-Spektakel, sondern ein Selbstmordattentat auf die Romantik – bis die Spannung sich im Jubelschrei des Publikums löst.

(Noch einmal heute, 21.5., ausverkauft)

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