Klassik : Die Sonnensucher

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker haben alle Brahms-Sinfonien eingespielt.

Jörg Königsdorf

Diesmal ist Rattle aufs Ganze gegangen. Erstaunlich lange hat es gedauert, bis sich Sir Simon mit seinen Philharmonikern an die erste sinfonische Gesamtaufnahme herangetraut hat. Kunterbunt ist der Querschnitt durchs Klassik-Repertoire von Haydn über Dvorak bis Messiaen, den Rattle mit den Berlinern in den vergangenen acht Jahren aufgenommen hat – als ob er sein Orchester erst einmal richtig kennenlernen wollte, bevor er sich ans Eingemachte wagt.

Man liegt wohl nicht falsch, wenn man die Gesamtaufnahme der Brahms-Sinfonien, die am Freitag bei EMI erscheint, als Signal wertet, dass diese Umbauphase endlich zu Ende sein soll. Bei den Konzerten im Oktober 2008, als der Zyklus aufgenommen wurde, verstand das die Presse zumindest so: Rattles Brahms wurde fast durchweg als musikalische Antwort auf die Vorwürfe verstanden, die Philharmoniker hätten unter ihm den „deutschen Klang“ verloren. Erleichtert wurde zur Kenntnis genommen, dass die Philharmoniker offenbar doch oder wieder über jenen warmtönend voluminösen Streichersound verfügen, der immer noch als die klangliche Basis der romantischen Sinfonik gilt. Auf CD gelten da freilich andere Prioritäten: Wenn der berühmteste Dirigent der Welt einen Brahms-Zyklus aufnimmt, erwartet man zwangsläufig eine Antwort darauf, wie diese Werke im 21. Jahrhundert zu klingen haben. Und da wirken die acht Jahre, die sich Rattle Zeit genommen hat, schon fast wieder zu knapp.

Dass sich jemand an die Formulierung eines neuen Brahms-Bildes macht, ist höchste Zeit: Nachdem die vier Sinfonien noch für die Dirigenten der Generation Karajan zum Allerheiligsten (und zugleich Selbstverständlichsten) gehörten, gerieten sie in den letzten drei Jahrzehnten zusehends in den Windschatten der abendfüllenden Werke Bruckners und Mahlers. Gegen deren welterklärende Visionen wirkte Brahms mit seinen ausgezirkelten Dreiviertelstündern allzu selbstgenügsam. So recht schien kein großer Dirigent klären zu wollen, ob das Spannungsfeld des Brahms’schen Oeuvres zwischen klassischem Formaufriss und romantischer Gefühlstiefe auch heute noch zum Konfliktstoff taugt. Allein der Zyklus, an dem Rattles Landsmann John Eliot Gardiner gerade mit seinem – auf historischen Instrumenten spielenden – Orchestre Révolutionaire et Romantique werkelt, scheint mit seiner provokativ klassizistischen Zuspitzung geeignet, wieder etwas Bewegung in die Brahms-Routine zu bringen.

Es wäre keine Überraschung gewesen, wenn Rattle hier angeknüpft hätte. Auch sein Beethoven schöpfte schließlich mit beiden Händen aus den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis. Doch diesmal wählt Sir Simon nicht den Weg über den Kopf, sondern über die Sinne: Für ihn ist Brahms vor allem der große Melodiker, und der Orchesterapparat ist dazu da, diesen wunderbaren Melodien ihren höchstmöglichen sinnlichen Reiz zu verleihen. Nicht Dialektik bestimmt dieses Brahmsbild, sondern der pure Gesang. Berückend schöne Momente gelingen den Philharmonikern oft, wenn Rattle sie nur ganz sachte zu führen scheint und ihnen die Gelegenheit gibt, ihre Motive quasi auf der Zunge zergehen zu lassen. Gerade die Streicher dürfen immer wieder ihren butterweichen, von sanft elegischer Tönung durchtränkten Ton entfalten und beispielsweise den Scherzo-Sätzen der zweiten und dritten Sinfonie herbstlich entsagungsvolle Farben geben.

Oder das sanft wallende Kopfthema der Vierten: Wo ein Carlos Kleiber einst mit den Wiener Philharmonikern im Gegensatz zwischen Streichern und Bläsern einen nagenden Zweifel entdeckte, wo Kent Nagano mit dem DSO den strengen Satz- Baumeister betonte, gibt sich Rattle ganz dem Fluss des Klangs hin und dämpft die Einzelstimmen in diesen breiten Strömen gerade so weit ab, dass sie als fein prickelnder Reiz das sinnliche Behagen noch steigern.

Wie sein lichter Mahler und sein verzückter Messiaen scheint auch Rattles Brahms immer zur Sonnenseite des Lebens zu streben – der Passacaglia-Schlusssatz der Vierten, den Dirigenten wie Nagano schon im Lichte Schönbergs gesehen haben, ist für Rattle ein großes Showfinale, bei dem jede Instrumentengruppe noch einmal so richtig zeigen darf, was sie kann.

Wirklich befriedigend ist das bei aller Verführungskraft im Detail freilich nicht, zumal Rattle in einzelnen Konzerten mit den Philharmonikern schon einem vielschichtigeren Brahms-Bild auf der Spur war. Etwa im Kopfsatz der Dritten, die auf CD recht gut geschmiert und klangsatt abläuft – hier hatte Rattle doch eigentlich schon jenen Geist des Zweifels entdeckt und die Musik fast an die Schwelle des Stillstands geführt. Oder in der Zweiten, deren pastoralen Grundton er schon als fragiles kammermusikalisches Spiel über einem klaffenden Abgrund dirigiert hatte. Diese Verunsicherung, diese Spannung zwischen Resignation und Getriebenheit wären sicher ein besserer Schlüssel zu Brahms gewesen – allemal zur Ersten, deren heroischer Impetus bei Rattle arg nonchalant daherkommt. Schon die stumpfen Paukenschläge der Einleitung verfehlen völlig ihren Schicksalston. Und selbst die Hochstimmung des Finales, die Rattle doch eigentlich liegen sollte, wirkt reichlich bemüht.

Schön zu hören immerhin, dass Sir Simon und sein Orchester sich gefunden haben. Um auch zu Brahms zu finden, haben sie ja noch Zeit.

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