Kultur : Klassik: Flöten & Pfeifen

Felix Losert

In einer Spätvorstellung des Konzerthauses zeigte Wayne Marshall in der Reihe "Organ spectacular" mit einer Reihe von überwiegend französischen Showpieces, was die Jehmlich-Orgel im Konzerthaus so alles kann. Machtvoll türmen sich gleich zu Beginn die Akkorde in der "Marche Pontificale" aus Charles-Marie Widors erster Orgelsinfonie und im Allegro deciso aus Marcel Duprés "Evocation" auf. Während Widor und Dupré mit rhythmischer Spannung und formaler Klarheit dem Ausufern der Klangmassen begegnen, gibt sich César Franck im Choral E-dur dem Fortspinnen seiner gelenkigen Motive ungehemmt hin. Marshall versucht dem durch stetiges Vorwärtsdrängen entgegenzuwirken. Vielleicht hätte er mit mehr Ruhe und einer maßvolleren Registrierung größeren Erfolg gehabt. Die "Gershwinesca" des 1955 geborenen Naji Hakim hat der Gershwin-Experte Marshall selbst bestellt. Zwar bietet sie ihm die Möglichkeit, seine halsbrecherische Virtuosität voll auszuspielen, aber auch die Organistenmanier, jede Melodie in glitzernden Klangteppichen zu verstecken oder unter donnernden Akkordtürmen zu begraben. In seinen Bearbeitungen von Verdis "Un ballo in maschera"-Vorspiel und einer "Don Carlos"-Arie konzentriert sich Marshall dagegen ganz auf Schöngesang und bringt mit feiner Agogik Pfeifen und (Engels-)Zungen zum Singen. Schade übrigens, dass das nur so wenige hören wollten.

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