Kultur : Klassik für Nichtleser

Goethe light: Germanistenprotest gegen neue Unterrichtsreihe

Tobias Lehmkuhl

Ist das deutsche Kulturgut in Gefahr? So weit ist es vielleicht noch nicht, aber wie es aussieht, könnte in manchen Haupt- und Realschulklassen demnächst philologisch unsauber gearbeitet werden. Vorsicht also: Möglicherweise werden Lehrer dann gekürzte und sprachlich überarbeitete Klassiker-Fassungen verwenden.

Dabei könnten den Schülern zum Beispiel in der „Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff „ganze Motivketten“ und „symbolische Wortbögen“ entgehen, wie Heinz Rölleke, Emeritus der Gesamthochschule Wuppertal, mit Blick auf die vom Schulbuchverlag Cornelsen initiierten Reihe „... einfach klassisch“ kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen“ schrieb. Unterstützt wird Röllekes Empörung von einer Protestnote, die Mitarbeiter des Germanistischen Seminars der Universität Freiburg verfasst haben und die demnächst in den „Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes“ erscheint. Sie listet eine Reihe von Mängeln und Fehlern der von Diethard Lübke bisher für den Cornelsen Verlag verfassten Klassik-Light-Versionen auf.

Tatsächlich ist es schmerzhaft, wie in Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“ aus dem so anschaulichen Wort „Händel“ ein steriler „Streit“ wird. Und Menschen mit Sinn für Rhythmus und Musikalität der Sprache werden kaum kein Verständnis dafür haben, dass das Metrum von Schillers „Wilhelm Tell“ immer wieder der Verdeutlichung des Inhalts wegen aus dem Takt gerät.

Der Ungereimtheiten gibt es einige. Auch lässt sich fragen, wie viel von den Klassikern noch übrig bleibt, wenn man sie nicht nur kürzt, sondern sprachlich auf eine Weise glättet, dass es einer Übersetzung ins Umgangsdeutsch gleichkommt. Könnte man sich da nicht genauso gut auf Zusammenfassungen nach Art der „Sagen des klassischen Altertums“ beschränken? Oder sich gleich auf die Gegenwartsliteratur konzentrieren? Die eleganteste Lösung wäre vielleicht gewesen, der „modernisierten" Fassung die Originalversion gegenüberzustellen – wobei dem Lehrer diese Möglichkeit allerdings offen bleibt: Keiner schreibt ihm vor, dass er nicht gleichzeitig beide Texte verwenden darf.

Dass heutige Haupt- und Realschüler, zumal der niedrigeren Jahrgangstufen, für die „... einfach klassisch“ sich als Alternative zur Lektüre der Originale anbietet, mit vielen Worten und Wortfügungen Goethes oder Storms überfordert sind, steht außer Frage. Wenn es bei solchen Dramen und Novellen im Unterricht vor allem darum geht, überhaupt erst einmal zu verstehen, wovon sie handeln, und wenn man für dieses Verständlichmachen schon Stunden braucht, bleibt in den meisten Fällen keine Zeit mehr, sich im Unterricht über Eigenarten von Sprache und Stil zu unterhalten. Ganz zu schweigen von der Frage, ob sich im Unterricht dann noch „symbolische Wortbögen“, schlagen ließen. Ein Sechstklässler, der nur schwitzend und stotternd vorlesen kann, wird spätestens beim Wort „Fallimentes“ das Handtuch werfen. Bei „Kleider machen Leute“ steht das schon im zweiten Satz.

Dass Wege gesucht werden müssen, den grassierenden Analphabetismus einzudämmen, ist allen klar. Dafür müssen die Lehrern Angebote machen können, warum nicht auch mal mit „Klassik light“? Soll hier also eine derzeit ohnehin von öffentlichem Misstrauen bedachte Berufsgruppe besonders bevormundet werden? Hinter der Kritik der Germanisten steckt nicht zuletzt auch das Vorurteil, Lehrer seien per se unfähig und überfordert. Wenn aber jemand entscheiden kann, was mit heutigen Schülern machbar ist, so sind es die aktiven Pädagogen.

Allein ihnen bleibt die Wahl zwischen zwei Übeln – zwischen „Fallimentes“ oder „finanziellen Schwierigkeiten“.

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