Kultur : Klassik: Gabentisch

Carsten Niemann

Lange lag das Monopol für Weihnachtsoratorien fest in den Händen von Johann Sebastian Bach. Für eine Liberalisierung auf dem musikalischen Weihnachtsmarkt könnte jetzt das Weihnachtsoratorium von Carl Heinrich Graun sorgen, dem melodienreichen Kapellmeister des Alten Fritz. 1999 war es erstmals zu hören, am Mittwoch legte es Joachim Geiger mit seinem Studio-Chor Berlin und der Jungen Sinfonie Berlin im Konzerthaus zum zweiten Mal auf den Gabentisch der Berliner - allerdings nicht ohne vor der Pause wenigstens die zweite Kantate aus dem Oratorium des ubiquitären Thomaskantors abgeliefert zu haben. Zwischen weihnachtlich-hochbarocken, mit Pauken und Trompeten bestückten Chorsätzen von handwerklich sauberer Kontrapunktik wehte viel frühklassische Frühlingsluft. Das klang seinerzeit höchst modern und ist noch heute zukunftsfähig. Bevor sich alle Kantoreien auf das Stück stürzen, eine Warnung: Dass dieses Werk mit einem Chor von über siebzig Personen, einem halbprofessionellen Orchester und gerade der Ausbildung entwachsenen Solisten leicht und lebendig wirkt, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn Grauns zarte und duftige Melodien sind rhythmisch vertrackt, sie verlangen ein feines Stilgefühl und legen jede Unsicherheit bloß. Voller Freude über das Gelingen hörte man gern über kleine Wackler in den begleiteten Rezitativen hinweg. Die Begeisterung konzentrierte sich auf den soprandominierten, aber aus einem Körper singenden Chor, die charmant begleitenden Streicher, die warme Mittellage der Sopranistin Almut Philipp-Göbel und die famosen Verzierungen der leichten und dabei extrem tragenden Tenorstimme von Markus Brutscher. Gerne alle Jahre wieder!

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