Klassik : Glühend

Barenboim dirigiert die Philharmoniker.

Sybill Mahlke

Wundersame Popularität um die Wende zum 20. Jahrhundert: Fast jeder scheint das Bühnenstück „Pelléas et Mélisande“ zu kennen. Und doch weiß Arnold Schönberg noch nichts von Debussys vollendeter Oper, als er 1902 beginnt, seine Symphonische Dichtung zu komponieren, „ganz und gar von Maurice Maeterlincks wundervollem Drama inspiriert“. Dieser historischen Parallelität setzt nun der Pultwechsel der Dirigenten eine reizvolle Krone auf: Daniel Barenboim, GMD der Staatsoper, musiziert mit den Berliner Philharmonikern „Pelleas und Melisande“ von Schönberg (noch einmal heute). Kaum lässt sich in der Philharmonie die Oper wegdenken: Die symbolistischen Metaphern, die Bilder von Liebe und Tod haben sich uns eingeprägt. Wenn also Schönbergs Posaunenglissandi ausmalen, dass Golaud den Pelleas in unterirdische Gewölbe führt, ist unsere imaginäre Bühne präsent.

Wichtiger als die Kontrapunktik sind für Barenboim die Schicksalsmotive, die große Liebesmelodie und die Reprise um den Tod der Melisande. Da scheint der Dirigent zu glühen, und sein integrierender Stil triumphiert. Das groß besetzte Orchester folgt ihm in erworbener Vertrautheit. Ein Stück von Busoni steht dafür, dass das Jahrzehnt neben der „Tristan“-Nachfolge auch Leichtes kennt. Für Nino Rota indes, den legendären Filmkomponisten, ist in der E-Musik diese Zeit einer flotten Tonalität bis in die Siebziger stehengeblieben. Auf und ab treibt er in seinem Kontrabasskonzert den Solopart, den Nabil Shehata besinnlich virtuos spielt. Dreiklänge und Skalen münden in kleine Täuschungen ohne wirkliche Überraschung. Seltsames Zeugnis aus einem Jahrhundert, das mit dem doppelten „Pelleas“ in die Zukunft aufgebrochen ist. 

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