Kultur : Klassik - Hecheln mit Anton

Jörg Königsdorf

Wenn ein Orchester wie die Berliner Symphoniker Bruckners fünfte Sinfonie spielt, ist das etwa so, als ob ein passabler Mittelstreckenläufer plötzlich bei einem Marathon mitmacht: Läuft er in gewohnter Geschwindigkeit, geht ihm mittendrin die Puste aus - teilt er seine Kräfte ein und läuft langsam, wird er von den Gewohnheits-Marathonläufern abgehängt. Unter ihrem Cheftrainer Lior Shambadal entscheiden sich die Symphoniker für die sichere Schritt-Tempo-Variante und kommen nach gut achtzig Minuten ins Ziel. Mehr aber auch nicht. Um sich aus der Schwächeposition eines 60-Musiker-Orchesters heraus auf einen der vorderen Plätze zu spielen, hätten die Symphoniker mehr tun müssen, als das überkommene Bruckner-Klischee schleppender Feierlichkeit nachzuahmen. Doch Shambadal stellt an das Stück keine Fragen und hängt Bruckners Themenblöcke reibungsfrei aneinander. Spannung entsteht bei diesem gleichmäßig maßvollen Taktieren nicht. Schon über kurze Distanz hängen die Steigungszüge durch, die Interpretation bleibt auf der Strecke. Vermutlich wäre es besser gewesen, wenn die Symphoniker all ihre Energien auf die Bruckner-Herausforderung konzentriert hätten, statt ihr Sonntagnachmittags-Konzert in der Philharmonie durch Beethovens Tripel-Konzert auf Überlänge zu bringen. Zumal das in jeder Hinsicht belanglos geriet. Nur lose koordiniert zwischen dem Orchester und drei Solisten, die sich nichts zu sagen hatten und mit unterschiedlichem Erfolg nebeneinander herspielten, passierte der Beethoven zwar in Normzeit die Zielgerade, gehörte aber eigentlich disqualifiziert.

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