Klassik : Hör auf zu beben

Ingo Metzmacher und seinem Deutschen Symphonie-Orchester gelingt ein kleines Wunder: Er kombiniert sinnstiftend Mahlers "Auferstehungssinfonie" mit György Ligetis "Lux aeterna".

Ulrich Amling

Gustav Mahlers Symphonien sind Monolithe des Konzertbetriebs. Sie holen in musikalischer wie gedanklicher Hinsicht so weit aus, dass neben ihnen alle anderen Werke angehängt, aber nicht mehr anregend wirken. Wer kann sich an eine erhellende Kombination mit Mahler erinnern? Ingo Metzmacher und seinem Deutschen Symphonie-Orchester gelingt in der Philharmonie eine außergewöhnlich sinnstiftende Kopplung, ein kleines Wunder an Ökonomie und Seelentiefe: Mahlers Zweite, die „Auferstehungssymphonie“, wird a cappella eingestimmt durch György Ligetis „Lux aeterna“. So entsteht ein Abend, der von der menschlichen Stimme gerahmt ist und ihrer Suche nach dem Licht der Ewigkeit. Ein Abend, der virtuos Klangräume erweitert und zwischen Emporen und Hinterbühne ein Stück Unendlichkeit spannt.

Bequem verläuft diese Begegnung nicht. Dazu haben Simon Halsey und seine Sänger des Rundfunkchores Berlin Ligetis 16-stimmigen Satz zu stark aufgeraut, entlassen ihn nicht wohlfeil ins Schweben. Ein dunkles Glimmen aus weiter Ferne lebt in dieser Musik, und es befällt nicht nur jene ein leichter Schauer, die sie aus Stanley Kubricks Film „2001 – Odyssee im Weltall“ wiedererkennen. Ankern in der Unwirtlichkeit, sterblich sein unter einem ewigen Himmel: Die Decke der abgedunkelten Philharmonie verwandelt sich zum sternenbewehrten Firmament, an dem plötzlich ein schmerzender Blitz zuckt – die ersten Takte der „Auferstehungssymphonie“. Ein dramaturgischer Coup, die ideale Zündkapsel für Mahlers Himmel und Hölle in Bewegung setzenden Riesenapparat, der spürbar machen will, wie fragil das Stückchen Erde dazwischen ist. Wer mit dem Gewaltigen ins Intime vordringen will, braucht einen genauen Plan und viel Überzeugungskraft. Metzmacher, der kantige Chef, von seinen DSO-Musikern zuletzt äußerst kritisch betrachtet, hat dafür genügend Ackerkrume unter den Sohlen.

Mit dieser „Auferstehungssymphonie“ wirbt einer um das Vertrauen seines Orchesters, der kein Schmeichler ist. Einer, der den Keulenschlägen dieser Musik nicht ausweicht. „Was du geschlagen, zu Gott wird es dich tragen“, lauten die letzten Zeilen des Schlusschors, flankiert von triumphierenden Orgelakkorden. Per aspera ad astra – Abkürzungen hat Mahler, der erfolgreichste Dirigent seiner Zeit, nicht vorgesehen. Für das DSO und Metzmacher beginnt ein spannungsgeladenes zweites Jahr: „Hör auf zu beben! Bereite dich zu leben!“ Ulrich Amling

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