Kultur : Klassik - Jenseits von Eden

Eckart Schwinger

Seit dem Karfreitag vorigen Jahres ist die Matthäuspassion von Bach in der Einrichtung von Mendelssohn, die er 1829 bei der legendären ersten Wiederaufführung in der Singakademie selbst dirigiert hat, wieder im Berliner Musikleben verankert. Die Deutsche Oper stützt sich auf die geraffte Mendelssohn-Fassung bei der szenischen Verdeutlichung der Leidensgeschichte Christi in heutiger Gestalt, bei der die Chöre, wie Günther Uecker sagt, "singende Klagemauern" bilden. Dabei werden übrigens von Christopher Hogwood auch einige Stücke aus Mendelssohns Leipziger Fassung von 1841 dirigiert. Diese Leipziger Einrichtung musizierten nunmehr im Konzerthaus Chor und Kammerphilharmonie des Mitteldeutschen Rundfunks Leipzig unter Leitung von Howard Arman. Auch bei dieser vitalen Aufführung wurde keinesfalls nur das musikhistorische Interesse bedient. Die Bach-Passion wurde so engagiert gesungen, dass sie, in Anbetracht der unzähligen Häupter voll Blut und Wunden in unserer Welt, eine aktuelle Dimension gewann. Es war auch einiges von Mendelssohns individueller Dynamik und Phrasierung zu spüren, besonders bei dem in einem gehauchten Pianissimo a cappella gesungenen Choral "Wenn ich einmal soll scheiden". Arman entwirft heftig pulsierende Bilder in einem großen, bisweilen gar großspurigen und nicht immer transparenten Klangstil. Nichts für Bach-Puristen - und auch nichts für Präzisionsfanatiker. Armans etwas dick aufgetragener, pathetischer Klanggestus ging auch auf die meisten Solisten über. Klaus Häger sang die Jesus-Partie allerdings ganz gegenwartsnah mit expressiver Schärfe.

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