Klassik : Klingt gut. Kaufen.

Wenn die Deutsche Stiftung Musikleben ihre Instrumente auswählt, vertraut sie auf Profiohren.

Carsten Niemann

Stumm und in regungsloser Gelassenheit sitzen 23 Stars in einem magischen Halbkreis auf dem Podium der Philharmonie. Auch von den wenigen Damen und Herren, die sich an diesem Morgen diskret im Saal verteilt haben, hört man erst einmal nur leise Töne. Ein Gefühl aus Ehrfurcht und Spannung, liegt in der Luft, denn ein Kräftemessen der besonderen Art steht bevor: Statt Musikern, die sich ihrem Publikum präsentieren, sind es diesmal die Instrumente selbst, die im Mittelpunkt stehen. Genauer gesagt: 23 Meistergeigen aus dem 18. bis 19. Jahrhundert. Wer sie erbaute, ob sie berühmte Namen tragen und wie hoch ihr genauer Wert ist (der jeweils mindestens dem einer attraktiven Eigentumswohnung entspricht) das erfahren wir erst einmal nicht. Die vornehme hanseatische Diskretion des Gastgebers hat ihren Grund. Der Deutschen Stiftung Musikleben, die Violinen von elf Händlern aus ganz Europa in die Philharmonie geladen hat, steht eine weit reichende Kaufentscheidung bevor: Am Ende des Tages soll eines der Instrumente ausgewählt werden, um Teil des 1993 von der Stiftung und dem Bund gegründeten Deutschen Musikinstrumentenfonds zu werden.

Auch Thomas Brandis, langjähriger Konzertmeister der Berliner Philharmoniker und die junge Stargeigerin Viviane Hagner, die sich den Instrumenten nähern, erfahren zunächst einmal nichts über die Herkunft. Ihnen hat die Stiftung die Qual der Wahl übertragen – im Wechsel als Spielende und Hörende und „im Blindtest“ wie Stiftungspräsidentin Irene Schulte-Hillen erläutert. Mit einer simplen Tonleiter, mit festem Strich gespielt, prüft Brandis auf dem Podium die jeweilige Geige auf Herz und Nieren, um dann mit einem Bachschen Präludium fortzufahren. Im zweiten Durchgang werden er und Viviane Hagner auch zu den Spitzentönen der Solokonzerte von Beethoven und Mendelssohn greifen.

Elegante volltönende Instrumente treffen auf Charakterköpfe, freundliche Kammermusiknaturen auf Diven, die ihren Schönklang nicht auf den ersten Bogenstrich freigeben. Viel zu bedenken für Viviane Hagner, die vom fernen Block B, lauscht, wo sie gerade überprüft, ob der Klang der Geigen auch so weit trägt, dass sie als Virtuoseninstrument in Frage kommen. Wie ihre Kolleginnen Julia Fischer und Baiba Skride verkörpert Viviane Hagner den Erfolg des Förderkonzepts der Stiftung: Sie gehörten viele Jahre zu den Stipendiaten, denen die Stiftung eines der 130 Spitzeninstrumente als Leihgabe überliess. Wie alle Stipendiaten musste sie sich „ihr“ Instrument bei einem jährlichen Wettbewerb neu erspielen. Harte Anforderungen – doch für viele die einzige Möglichkeit, sich auf einem Instrument weiterzuentwickeln, das ihren Fähigkeiten entspricht.

Von den 23 Kandidaten sind inzwischen drei Favoriten übrig geblieben, die von den Geigenbauern Ingeborg Behnke und Andreas Kägi genau unter die Lupe genommen werden: sie führen beispielsweise ein Stethoskop durch das f-Loch, um Verarbeitung und Jahreszahl im Inneren einer Geige zu betrachten.

Zu einer endgültigen Entscheidung kommt es dennoch nicht an diesem Abend. Dafür erfahren wir, dass es drei Italiener sind, um die nun engere Verhandlungen beginnen werden. Obwohl die wohlklingendsten Namen der Instrumente des Fonds wie etwa die Stradivaris oder Guarneris üblicherweise von privaten Leihgebern stammen, ist auch hier Prominenz dabei: so etwa Lorenzo Storioni. Ein Instrument dieses Geigenbauers, das aus Bundesbesitz stammt und das die Stiftung treuhänderisch verwaltet, zählt zu den Spitzeninstrumenten des Musikfonds. Ebenso wie Storionis 1781 gefertigte Geige stammt auch der zweite Kandidat, ein Instrument vom Nicola Bergonzi, aus der legendären Geigenmetropole Cremona. In Turin entstand 1828 das dritte Instrument von Giovanni Francesco Pressenda, der ein Schüler Storionis war. Ein Sieger muss spätestens am 2. März 2008 festehen, denn dann wird wieder entschieden, wer welches Instrument aus dem Fonds künftig zum Klingen bringen darf. Denn schließlich sind auch vornehme Geigen nicht zum Schweigen geboren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar