Klassik- Konzertkritik : Totentänzchen

Die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja war zu Gast beim RSB. Der Blick der 32-Jährigen auf die Partitur scheint noch viel zu frisch zu sein, um von echter Durchdringung zu sprechen.

Christine Lemke-Matwey

Ein Luftgeist, eine Elfe ist sie nicht, und um ihre Bodenhaftung noch zu betonen, betritt die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja das Podium der Philharmonie tatsächlich barfüßig, man glaubt so etwas ja immer nicht (bei diesen Temperaturen!) .... Nun denn, hurtig den Notenständer zurechtgeruckelt, den Kinnhalter poliert und los geht’s mit den leeren Quinten aus Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“. Kopatchinskaja nimmt dieses berühmte Sich-Einstimmen vollkommen unätherisch, ja praktisch. Hier wird kein „doppeltes Requiem“ beschworen (das Konzert ist der früh verstorbenen Manon Gropius gewidmet und stellt Bergs letzte vollendete Komposition dar) und im Folgenden auch wenig jugendstilige Jungmädchenblüte. Es ist, wie es ist, sagt die Geige, tot ist tot, da hilft in der Musik allenfalls noch ein bitterer danse macabre.

Büschelweise gehen die Bogenhaare aus, Kopatchinskaja liebt das harte Spiel am Frosch, die Pizzikati weit oben auf dem Griffbrett, die zum Zerreißen gespannten Flageoletts. Ihre Lesart ist, nicht falsch, einem verzweifelten Expressionismus abgelauscht, einem Kampf gegen die Grundgemeinheit dieser Welt. Trotzdem scheint der Blick der 32-Jährigen auf die Partitur noch viel zu frisch zu sein, um von echter Durchdringung, von Reflexion zu sprechen. Oder liegt es an der ebenso unterwürfigen wie unentschlossenen „Begleitung“ durch Hugh Wolff am Pult des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, der der Solistin kaum je das Gefühl einer Auseinandersetzung gibt? Mit ein paar schneidigen Ländlerfratzen und einem gleichsam säkularen, vibratolosen Choralschluss allein ist diesem Konzert jedenfalls nicht zu Leibe zu rücken. Das RSB indes wahrt die Contenance und bleibt auch nach der Pause, während Wolff sich lautstark an Schostakowitschs mächtiger Zehnter versucht, ganz bei sich. Bewundernswert.

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