Klassik : Liebesspiel: Tugan Sokhiev und das Philharmonia Orchestra

Eine Woche vor seinem ersten offiziellen Konzert als designierter DSO-Chef wollten viele hören, wie sich Tugan Sokhiev mit einem Ensemble präsentiert, das ihm schon gut vertraut ist.

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Tugan Sokhiev.
Tugan Sokhiev.Foto: Hennek/DSO

Wenn Orchester auf Tournee gehen, nehmen sie gerne einen Starsolisten mit. Denn besonders in Musikmetropolen wie Berlin braucht man schon einen schillernden Lockvogel, wenn man sich an der Vorverkaufskasse gegen die örtliche Konkurrenz durchsetzen will. Man muss dabei ja nicht gleich so weit gehen wie die Accademia di Santa Cecilia aus Rom, die auf den Plakaten für ihr Gastspiel in der deutschen Hauptstadt jüngst nur im Kleingedruckten auftauchte, weil das Konzert ganz als Lang-Lang-Event vermarktet wurde. Der Name des Philharmonia Orchestra war auf den Ankündigungen für ihren Auftritt in der Philharmonie zwar in großen Lettern gedruckt, mit Ivo Pogorelich aber hatten auch die Londoner einen berühmten Namen aufzubieten, der Publikum zieht. Vor allem, wenn Chopin auf dem Programm steht.

Dass sich die Aufmerksamkeit am Mittwoch dann doch ganz auf den jungen Maestro Tugan Sokhiev fokussieren würde, konnten die Veranstalter im Vorfeld nicht ahnen. Dann aber wurde der 33-Jährige Nordossete vor zwei Monaten zum neuen künstlerischen Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin ab Herbst 2012 ernannt. Eine Woche vor seinem ersten offiziellen Konzert als designierter DSO-Chef wollten da natürlich viele hören, wie sich Sokhiev mit einem Ensemble präsentiert, das ihm schon gut vertraut ist.

Seit 2002 arbeitet er mit dem Philharmonia Orchestra zusammen – und das hört man auch bei Tschaikowskys 4. Sinfonie. Dieses Herzblutstück fordert jeden Dirigenten enorm, denn es gilt, die in alle Richtungen strebenden Energien zu bündeln, das emotionale Brainstorming des Komponisten zu strukturieren. Sokhiev zeigt sich hier absolut souverän – und die Musiker folgen ihm mit glühender Leidenschaft. Als sich Sokhiev nach dem zweiten Satz den Schweiß von der Stirn tupft, hat er das Heikelste schon geschafft – und das Publikum für sich gewonnen. Es folgen ein virtuoses Pizzicato-Scherzo, Taktstockakrobatik im rasant genommenen Kehrausfinale und Riesenjubel.

Ach ja, Ivo Pogorelich: Gibt, wie von seinen Fans erhofft, wieder den faszinierenden Exzentriker, schert sich in Chopins 2. Klavierkonzert nicht im Geringsten um das ihn begleitende Orchester, hat seine eigenen, zerfledderten Noten mitgebracht und lässt den Saal in ein Schummerlicht tauchen, das schnell die Zuschaueraugen ermüdet. Natürlich ist es mehr Pogorelich als Chopin, was er spielt, doch seine Aura, seine rhythmische Präsenz und die unerhörte Raffinesse seiner Anschlagskunst lassen alle kleinlichen Einwände gegen scheinbar willkürlich gesetzte Akzente und irritierende Betonungen sofort wieder verstummen. Dass Tugan Sokhiev auf diese radikal individuelle Lesart einsteigt, sich und das Orchester maximal zurücknimmt und Pogorelich doch höchst aufmerksam zur Seite steht, zeigt: Zumindest er ist ein echter Teamplayer.

Am 26. und 27. November dirigiert Tugan Sokhiev sein DSO in der Philharmonie.

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