Klassik : Piccolo Torero

Berliner Bizet-Festspiele: Volker Schlöndorffs „Carmen“ am Wannsee fehlt das Feuer. Das Klassik-Open-Air kann es mit Katharina Thalbach nicht aufnehmen.

von
Starker Tobak. Julia Rutiglianos Carmen raucht, singt und tanzt auf der Fächerbühne am Wannsee. Foto: dpa
Starker Tobak. Julia Rutiglianos Carmen raucht, singt und tanzt auf der Fächerbühne am Wannsee. Foto: dpaFoto: ZB

Wer von den Seefestspielen Berlin heimkehrt, der fühlt sich wie ein Urlauber. Nicht etwa wegen eines zarten Teints, den eine blutrot im Wannsee versinkende Sonne auf die Wangen hätte zaubern können. Nein, wegen der unaufhörlichen Frage aller Urlaubsfragen: Wie war das Wetter? Die klassische Antwort: Man konnte rausgehen, wenn man die richtigen Sachen anhatte.

Hoffentlich hat sich Premierengast John Malkovich keine Lungenentzündung geholt, als er zur von Volker Schlöndorff angerichteten „Carmen“ im Sommeranzug anreiste. Ein Oscar-Preisträger, der Klassik-Open-Air inszeniert, das verspricht geadeltes Spektakel. Ein bisschen Lunaparkwelt in der freien Natur wünscht sich Schlöndorff, der zugibt, nicht zu wissen, wie er „Carmen“ auf einer Opernbühne einrichten solle. Bei der Anreise zu Fuß gibt es davon eine Gratisvorstellung: vorbei an der regennassen Spinnerbrücke neben Autobahnauffahrt und dem Bikertreff mit einem Carmen-Teller im Angebot: zwei Garnelenspieße, Baguettebrötchen, Piccolo. Hier hätte sie jederzeit auftreten können – Carmen.

Die Bühne am Wannsee hat in den letzten Tagen vor der Premiere dazu angesetzt, den Querelen um den neuen Großflughafen den Rang abzulaufen. Das ist trotz der Drohung von Impresario Peter Schwenkow, nie wieder Seefestspiele in Berlin zu veranstalten, nicht ganz gelungen. Vor Ort versteht man die ganze Aufregung nicht. Wo hätten die Hunderte von zusätzlichen Plätzen denn liegen sollen, die nicht genehmigt wurden, weil sie zu nah am Trinkwasser gebaut waren?

Und warum heißt es eigentlich „Seefestspiele“, wo der Wannsee und sein zauberhaftes Strandbad in sicher zu nennender Entfernung liegen? Wer in der Mitte sitzt, wird überhaupt erst bei einer Wanderung zu den Toilettenkolonien gemerkt haben, dass hinter der Riesenbühne irgendwo der Strand beginnt. Doch das Pausenzeichen holt sie jäh zurück, um dann im klammen Gestühl auf die VIP-Zelt-Besucher zu warten, ohne die hier gar nichts läuft. „Promis raus!“, schallt es von der Tribüne der entnervt Harrenden. Wer am Rand hockt, ist klar im Vorteil, der kann derweil übers Wasser blicken, dorthin, wo einst Liebermann im Garten malte.

Ein Volksfest mit obligatorischer Opernbegleitung findet nicht statt, auch wenn die Darbietung so wackelig beginnt, als sei die örtliche Turnerriege aufgelaufen. Das heiß umkämpfte Bühnenparkett ist wohl noch rutschig vom Tänzchen mit den Senatsbehörden, die jungen Akrobaten der Artistikschule Berlin finden nur wenig Halt. Das ist hart, denn sie sollen den gewaltigen Raum immer wieder neu füllen, im Flickflack über dem Bühnenabgrund. Marc Bogaerts ist als Choreograf überfordert, ihrem Straucheln irgendeinen Rahmen zu geben. Katharina Thalbach hätte eine solch bedrohliche Durchblutungsstörung niemals ignoriert – Schlöndorff bleibt gar keine andere Wahl. Ihm fehlt das Temperament, das Georges Bizets „Carmen“ nimmermüde besingt. Immer wieder lässt er Rauch über die Bühne wehen, feurig wird es dadurch keineswegs, wärmer leider auch nicht.

„Carmen, in deinen Armen werd ich frigide“, sang Max Raabe einmal sehr gedehnt. Schade ist das wegen zwei Frauen, die leuchten können. Die eine sieht man kaum: Judith Kubitz dirigiert die Kammerakademie Potsdam in einer Art Golfballzelt rechts der Bühne. Aus ihm dringt angemessen verstärkt ein schlanker, flexibler Carmen-Klang, der nichts vom finsteren Donnern hat, das etwa Daniel Barenboim aus dieser Partitur stampft. Den Kontakt zur Bühne hält ihr Assistent Holger Reinhardt mit einem roten Leuchtstab. Dort oben ist es Julia Rutigliano, die als Carmen auch sinnlich sprechen kann und ihren reifen Mezzosopran klug zur Selbstvergewisserung einzusetzen weiß – Fatalismus, der sogar tanzen kann. Ach ja, auch Urlauber tapsen durch Schlöndorffs Seebühnen-Sevilla, in Beige natürlich. Wir sehen uns dann nächstes Jahr wieder am Wannsee. Vielleicht zu „Don Giovanni“ in der Regie von Rolf Eden. Dazu passen Garnelenspieße, Baguettebrötchen und Piccolo. Ulrich Amling

Noch bis 2.9., Do-So, Infos: www.seefestspiele-berlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben