Klassik Porträt : So klingt Kakao

Eine Holländerin in Berlin: Wie die in Berlin lebende Komponistin Mayke Nas Ironie und Avantgarde verbindet - und sich um ihre Heimat sorgt.

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Mikrotöne. Mayke Nas’ Komposition heißt „La belle chocolatière“. Foto: Kai Bienert
Mikrotöne. Mayke Nas’ Komposition heißt „La belle chocolatière“. Foto: Kai BienertFoto: MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

Ratsch! – Stille, Verwirrung. Ratsch! – ängstliche Blicke, abwarten. Dann setzt pianissimo eine Geige ein. Ratsch! In Mayke Nas’ Komposition „Z.O.Z“ bringt ein Bratscher seine Streicherkollegen durch lautes Umblättern der Noten fast zur Verzweiflung. Bis sich die übrigen Instrumentalisten zur Gegenoffensive formieren . „Konzerte sind immer auch Vorstellungen, bei denen auf dem Podium Rituale ablaufen“, sagt die 39-jährige Holländerin, die seit Juni als DAAD-Stipendiatin in Berlin lebt. „Dennoch wird immer so getan, als ob das Sich-Zurecht-Setzen, die Konzentration vor dem ersten Ton, das Umwenden der Seiten nicht dazugehörten. Dabei sind sie Teile der Musik. Das wollte ich mal zeigen.“

Mayke Nas ist eine Frau mit Sinn für Humor. Und eine Zeitgenossin, die mit offenen Augen und gespitzten Ohren durch den Alltag geht. Einfach nur abstrakte, kontextfreie Musik zu schreiben, reizt sie nicht. „Ich brauche immer etwas Konkretes, mit dem ich spielen, kämpfen kann.“ Zum Beispiel Kakaopulver: Auf der Verpackung ist eine Frau in traditioneller Tracht zu sehen, die ein Tablett in den Händen hält, auf dem eine Kakao-Packung steht. Auf dieser Packung ist wiederum dieselbe Frau zu sehen, die ein Tablett hält und so weiter. Als Nas 2003 vom Nieuw Ensemble Amsterdam einen Kompositionsauftrag bekam, beschäftigte sie sich gerade intensiv mit Mikrotonalität, also mit jener Form von Musik, bei der die Intervalle kleiner sind als die traditionellen Halbtonschritte. In ihrem Stück „La belle chocolatière“ lässt sich der Droste-Effekt nun sinnlich nachvollziehen. Zunächst sind nur perkussive Klänge zu vernehmen, dann driften die Tonhöhen langsam auseinander, bis sie sich schließlich zur Oktave gespreizt haben.

Die ungewöhnlich besetzte Truppe aus Amsterdam, in der neben Holzbläsern, Streichern, Klavier und Schlagzeug auch Mandoline, Gitarre und Harfe vertreten sind, wird Nas’ Kakao-Komposition am 30. November bei einem Porträt-Konzert in der Villa Elisabeth spielen, das der DAAD seiner Stipendiatin ausrichtet. „Ich war total perplex, als ich erfuhr, dass es möglich ist, das ganze Nieuw Ensemble nach Berlin einzuladen“, sagt sie. Menschen um sich zu haben, die mit den eigenen Arbeiten bereits vertraut sind, ist gut für die Nerven. Obwohl Amsterdam wie Berlin im Bereich der zeitgenössischen Kunst als bestens vernetzt gelten, war Nas überrascht, wie vielen neuen Namen sie hier begegnet, wie wenige Kollegen aus ihrem Umfeld andererseits in Deutschland bekannt sind.

Angefangen hat für die Holländerin alles mit ihrem Großvater, einem Organisten aus Den Haag, dem sie gerne beim Improvisieren zuhörte – um sich dann ebenfalls am Klavier auszuprobieren. Als Teenager begann sie, erste Stücke zu schreiben. Ein fließender Übergang zum Studium. Dann kam der Auftrag vom Amsterdamer Concertgebouw, etwas für die wichtigste Musikinstitution der Niederlande zu schreiben.

„Ich habe in meinem Leben alle Chancen und Anregungen bekommen, um mich zu entwickeln“, sagt Nas. Umso fassungsloser beobachtet sie, was derzeit in ihrer Heimat passiert: Mehr als 20 Prozent des Kulturbudgets hat die rechtspopulistische Regierung gestrichen, Verlierer sind vor allem innovative Projekte. „Ob in der Politik oder in den Medien, überall wird derzeit kulturfeindlich argumentiert.“ In den verbleibenden sieben Monaten ihres Berlin-Stipendiums wird Mayke Nas noch in finanzieller Unabhängigkeit kreativ sein können. Danach wird sie nach Amsterdam zurückgehen, wo beim Kampf ums Überleben der Kulturszene jetzt jede helfende Hand gebraucht wird. Frederik Hanssen

Am heutigen Mittwoch um 20 Uhr wird Nas’ Komposition in der Villa Elisabeth aufgeführt (Invalidenstraße 3).

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