Klassik : Romantissimo

Unerreicht: Endlich gibt es Vladimir Horowitz’ Berlin-Konzert auf CD. Am 18. Mai 1986 begeisterte der legendäre Klaviervirtuose das Publikum in der Philharmonie.

Christine Lemke-Matwey

Heute vor 20 Jahren wurde der Pianist Vladimir Horowitz auf dem Cimitero Monumentale von Mailand beerdigt. Ein ukrainisch-jüdischer Musiker, der mit Rachmaninow, Skrjabin, Liszt und Chopin groß geworden ist, die meiste Zeit seines Lebens in New York verbracht hat und dort am 5. November 1989 stirbt, findet seine letzte Ruhe ausgerechnet neben den Helden der italienischen Oper, neben Verdi und Boito? Horowitz wird in der Gruft Arturo Toscaninis beigesetzt, seines Schwiegervaters, Wanda Toscanini Horowitz will es so, die für ihre nadelspitze Zunge berüchtigte Gattin. Acht Millionen Dollar soll Horowitz ihr hinterlassen haben, die Gerüchte um seine Homosexualität sind nie verstummt. Depressionen, Psychoanalysen, kreative Krisen, das Leben hat es mit dem „letzten Romantiker“ nicht leicht gemeint. „The Greatest Pianist – Dead or Alive“, diese Schlagzeile kannte bei Horowitz stets ihre wortwörtlichen Abgründe.

Dreieinhalb Jahre zuvor, 1986, geht Horowitz mit seinem legendären Steinway („The Beauty“) und der nötigen Menge tief gefrorener Seezungen im Gepäck auf seine letzte große Tournee: Moskau, Leningrad, Hamburg – und Berlin. Ein Triumphzug diesseits wie jenseits des Eisernen Vorhangs, „Horowitz in Moscow“ hält das Geschehen auf CD und DVD fest. Dass das Berlin-Konzert vom 18. Mai, das der damalige SFB für den ARD-Hörfunk live überträgt, so lange auf sich hat warten lassen, kennt wohl verschiedene Gründe: rechtliche, finanzielle und auch solche der Achtlosigkeit. Was in einer Rundfunkanstalt, die in den Nachwendewirren fusioniert wird (SFB und ORB tun sich 2004 zum RBB zusammen), eben so durch den Rost fällt .

Umso mehr ist die nun bei Sony erschienene Doppel-CD ein Ereignis – und zwar nicht nur ein musikalisches, eines, das das 20. Jahrhundert „durchhörbar“ macht, sondern auch eines der Rundfunkgeschichte. Mit wie viel Hochachtung in der Stimme Norbert Ely das Konzert für die Radiohörer aus der Philharmonie moderiert, mit welcher unaufgeregten Eleganz sich die SFB-Musikredakteurin Ursula Klein ins Pausengewühl stürzt, um Horowitz’ Klaviertechniker Franz Mohr und seinen jungen Agenten Peter Gelb zu interviewen, das hat ein Format, das man heute prinzipiell vermisst. Der selbstverständliche Umgang mit dem Außerordentlichen, das Wissen um die Bedeutung einer Mazurka von Chopin oder einer Scarlatti-Sonate, es scheint uns in den vergangenen 20 Jahren so gründlich und unwiederbringlich abhanden gekommen zu sein wie die Gletscher in den Alpen. Das Unternehmen „Kahle Sängerin“ (so das Codewort der Berliner Festspiele für die lange geheim gehaltenen Bemühungen, Horowitz nach seinem furiosen Berlin-Debüt Mitte der Zwanzigerjahre erstmals wieder an die Spree zu locken) belegt diesen Bildungs- und Empfindungsschwund so beispiellos wie schmerzhaft.

Horowitz in Berlin: Über eine Woche lang besucht der Maestro Opernaufführungen, Konzerte und den Zoo, Abend für Abend sieht man ihn bei Consommé, Seezunge und Tarte aux pommes in der Paris Bar tafeln. Entspannte, versöhnliche Tage, der Schwarzmarkt boomt, die Haute volée frohlockt – und dem Auftritt vom besagten Pfingstsonntag folgt ein paar Tage später tatsächlich noch ein eilig anberaumtes Zusatzkonzert. „Next week repeat concert, half new program, and half the feel Vladimir Horowitz“, kritzelt der 81-Jährige auf eine Speisekarte und flachst: „same wife“.

Treu bleibt Horowitz sich auch musikalisch. Sein flauschig leuchtender, von keiner rhetorischen Absicht getrübter Ton bei Scarlatti, das kämpferische Leben, mit dem er Schumanns „Kreisleriana“ auflädt, überhaupt die Bravour, mit der er agiert, bei Skrjabins dis-Moll Etüde („Patetico“) oder Chopins berühmter As-Dur-Polonaise: Die Freizügigkeit im musikalischen Denken, das Singenwollen über alle stilistischen Grenzen hinweg macht ihm niemand nach. Für heutige Ohren mag da bisweilen etwas viel Pedal im Spiel sein, auch hört man falsche Töne und manche kleinere Unebenheit. Die Farben aber in Schumanns „Träumerei“, einer von drei Zugaben, sind unerreicht: Ein psychedelisches Trudeln zwischen Schlafen und Wachen, ein Verschwimmen der äußeren Welt vor dem inneren Auge und Ohr, als wäre Clara Schumann persönlich auferstanden. Klavier, heißt es, spiele man nicht mit den Fingern. Womit denn sonst, würde Horowitz jetzt sagen und eine Augenbraue lupfen.

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