Klassik : So dirigiert ein Meister

Der lettische Maestro-Shooting-Star Andris Nelsons überzeugt mit seiner Interpretation von Strauss' "Zarathustra" mit der Berliner Staatskapelle.

Jörg Königsdorf

Ob „Also sprach Zarathustra“ auch ohne seine ersten anderthalb Minuten so berühmt geworden wäre? Meistens versickert das Stück jedenfalls nach der Eröffnungsfanfare – natürlich auch, weil die Dirigenten es sich nicht nehmen lassen, mit dieser Erkennungsmelodie so aufzutrumpfen, als wäre sie schon das krönende Finale. Nicht so Andris Nelsons. Mit der Staatskapelle spielt der lettische Maestro-Shooting-Star diese Stelle wie eine Ankündigung, die auf Kommendes neugierig macht: mit flüssigem Tempo und schlankem Trompetenton, der an Richard Strauss’ eigene, lakonische Aufnahme des Stücks erinnert.

Schon eine im letzten Jahr erschienene CD hatte Nelsons als geborenen Strauss-Dirigenten gezeigt. Die gleiche Instinktsicherheit prägt auch seinen „Zarathustra“ in der Philharmonie: berückend klangschön, aber nie fett klingt sein Strauss, besitzt in jedem Moment eine erzählerische Anschaulichkeit, ohne darüber den großen Bogen aus dem Blick zu verlieren. Selbst in tendenziell vergrummelten Dunkelzonen wie „Von den Hinterwäldlern“ wird eine suchende, untergründig antreibende Energie spürbar, die Aufschwünge („Von den Freuden und Leidenschaften“) klingen jauchzend und frisch, ohne je in selbstgefälligem Schwelgen stecken zu bleiben. So dirigiert ein Meister.

Seine Fähigkeit, Musik spontan klingen zu lassen, hilft Nelsons auch durch Haydns „Trauer-Sinfonie“. Im butterweichen Streicherklang der Staatskapelle und ohne die Reizmittel historischer Aufführungspraxis klingt das Stück freilich harmlos. Dazwischen noch Alfred Schnittkes Violakonzert von 1985 als Geschenk an Julia Deyneka. Die neue Solobratscherin der Staatskapelle geigt sich mit hellem, durchsetzungsstarken Ton durch Schnittkes fremdelnde Musik. Fast zu gesund, um wahr zu sein. Jörg Königsdorf

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