Klassik : Sonniger Sound

Der vergnüglichste Sprachkurs der Musikwelt: Zum Finale des Berliner Festivals Young Euro Classic. Der Zauber liegt in der jugendlichen Frische des Spiels, der nationalen und kulturellen Vielfalt, der tollen Stimmung bei jedem Konzert.

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Glänzende Aussichten. Zwei Musiker des Nationalen Jugendorchesters Rumänien auf dem Weg ins Konzerthaus. Foto: MUTESOUVENIR | KAI BIENERT
Glänzende Aussichten. Zwei Musiker des Nationalen Jugendorchesters Rumänien auf dem Weg ins Konzerthaus.Foto: MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

Nirgendwo blitzen zurzeit die gelben Europa-Sterne so feierlich und wohlwollend aus dem Blau wie auf dem Teppich, der sich über die Stufen der großen Konzerthaustreppe ergießt. Seit 13 Jahren ist Young Euro Classic ein Publikumsmagnet so unfehlbar und zuverlässig wie im Frühjahr die Jungtiere im Zoo. Erfolg, Enthusiasmus und Eifer, die das sommerliche Festival auszeichnen, strahlen einen unschlagbaren Optimismus für die Zukunft der klassischen Musik aus, dass es an Magie grenzt. Die Begeisterungsstürme und der allabendlich volle Saal lassen sich so schwer vereinbaren mit dem Wissen um die Krise, in der sich die klassische Musik doch befindet, dass man auch die Überalterung des Publikums bloß noch für ein böses Gerücht halten möchte.

Worin liegt hier also der Zauber? In der jugendlichen Frische des Spiels, der nationalen und kulturellen Vielfalt, im öden Sommerloch oder in der Tatsache, dass man für schlappe 16 Euro jeden Abend tolle Musik bei Bombenstimmung erleben kann? Die Botschaft, die das Festival selber aussendet, wohnt in jedem Detail, vom fröhlichen Gelb der Programmhefte bis zu den Sonnenblumen, die den Künstlern traditionsgemäß überreicht werden: Hier geht es in erster Linie um die Freude an der Musik. Und die Qualität des Spiels, die Musik erst zur Freude macht, ist bei den aus aller Welt angereisten Jugendorchestern beeindruckend.

Nicht zuletzt die kulturelle Identität der Musiker und das Bedürfnis, sich in dieser Weise musikalisch mitzuteilen, lassen die Emotionen an diesen frischen Sommerabenden hochkochen. In politisch bedeutsamen Konnexen wie dem Armenisch-Türkischen Jugendsinfonieorchester kochen sie geradezu über. Hier versprüht der existenziell aufgeladene Streicherklang voller Herzblut eine umwerfend einzigartige Aura, die sämtliche Intonationsschwierigkeiten des Klangkörpers ausblendet – umso mehr natürlich, wenn man bedenkt, dass sich die Tonalität dieser Kulturkreise von der westlichen unterscheidet.

Während solche Nuancen in Werken türkischer und armenischer Komponisten dem Publikum nähergebracht werden, bringt Beethoven, der große Verbrüderer, die türkischen und armenischen Musiker, die sich jeweils ein Pult teilen, einander näher, als wohl jeder andere Komponist es vermag. Wenn auch Klarheit und Spannung der strukturellen Fügung eher auf der Strecke bleiben, so spannen die jungen Musiker unter ihrem Dirigenten Cem Mansur umso eifriger den großen Bogen – als gälte es, mit vereinten Kräften eine bleibende Brücke zu bauen.

Einen erfrischend anderen, stark vom Rhythmus bestimmten Zugriff auf die Musik lässt sich beim MIAGI Youth Orchestra aus Südafrika erleben, das junge Musiker aus allen Teilen und Schichten des Landes vereint. Hier wird im wahrsten Wortsinn mit Leib und Seele musiziert, stehend, tanzend, singend – ein ungefilterter Ausdruck des Gefühls. Wenn man diesen intendierten Exotismus auch mit einem Hauch Ambivalenz genießen mag – ihre ansteckende Wirkung verfehlt die südafrikanische Stimmungskanone beim bald klatschenden, bald tanzenden Publikum auf keinen Fall.

Der dialektische Aspekt der Musik, einerseits eine Eigenständigkeit zu definieren und andererseits die markierten Unterschiede aus dem Gegensatz zu überwinden, spiegelt sich auch im Motto des Festivals: „Von Europa in die Welt: Europäische Musikkultur im Spiegel der Welt“. Das macht es natürlich für Young Euro Classic zum Muss, sich wie auch in vergangenen Jahren nicht auf das reine Europa zu beschränken. Neben Jugendorchestern aus Frankreich, Spanien, Rumänien, Deutschland, Holland und den baltischen Staaten bereichern auch Singapur, China, Russland und Südafrika das Festival und bringen Werke aus ihren Ländern zu Gehör – darunter kostbare Entdeckungen wenig bekannter Werke. Bei einem Künstlergespräch bringt es die russische Komponistin Alexandra Filonenco auf den treffenden Nenner: Musik ist eine Sprache. Jede Kultur hat ihre eigene Sprache, die man lernen kann wie eine Fremdsprache. In diesem Sinne lässt sich wohl kein vergnüglicherer Sprachkurs denken als Young Euro Classic.

Das Festivalmotto thematisiert natürlich auch die Einflüsse der europäischen Musik auf die jeweiligen Kulturen. Inwieweit das zelebriert werden kann und soll, ist allerdings fraglich, denn der musikalische Eurozentrismus wirkte und wirkt oft als Entwicklungshemmer vieler außereuropäischer Musikkulturen. Dass die längste Zeit nur die westliche Musik als wirklich arriviert galt, ist ein Fakt, dem man zwar heute verstärkt entgegenzuwirken beginnt. Dass jedoch nicht alle Wege nach Rom führen, zeigt das Epilog-Konzert. Die Werke des Oscar-preisgekrönten chinesischen Komponisten Tan Dun, die das Schleswig- Holstein-Festival-Orchester unter der Leitung des Komponisten spielt, vermischen lediglich Klischees chinesischer und westlicher Musik auf effekthascherische Weise, dass man sich wünscht, der Slogan „Hier spielt die Zukunft!“, der in großen schwarzen Lettern auf gelbem Grund über dem Orchester prangt, möge sich niemals bewahrheiten.

Zu den wichtigsten „Fremdsprachen“ für die Zukunft zählt vor allem die zeitgenössische Musik. Mit der Vergabe von Kompositionsaufträgen an junge, meist noch wenig etablierte Komponisten und einem Kompositionspreis macht sich Young Euro Classic in dieser Hinsicht besonders verdient. Den diesjährigen Preis hat die Jury der Russin Olga Viktorova zugesprochen für ihr Werk „Lux Aeterna“ über die mystische Wirkung des Lichts, das Kenner und Liebhaber mit seiner suggestiven Klanggestaltung in seinen Bann gezogen hat. Faszinierend auch die vom Joven Orqesta Nacional de Espana uraufgeführte Komposition der Spanierin Nuria Nunes Hierro, die zwischen archaischem und experimentellem Klang und Gestus die Mehrdeutigkeit der Chimäre befragt.

Als Ort, an dem sich ein so breites Publikum frei von musikalischen Berührungsängsten zusammenfindet, ist das Festival für das Bekanntmachen mit einer zeitgenössischen Musiksprache geradezu prädestiniert. Die Komponistin und Vorsitzende der Publikumsjury Jelena Davic etwa sieht einen besonderen Anreiz im Komponieren für sehr junge Musiker, da sie oft neugieriger, mutiger und beflissener sind, die Ideen eines Komponisten präzise umzusetzen mit allem, was es ihnen an spieltechnisch Unbekanntem abverlangt. Genau diese besondere Energie überträgt sich bei Young Euro Classic auf das Publikum wie ein Feuerwerk. Selten wird zeitgenössische Musik so bejubelt! Und darin bewahrheitet sich der Slogan „Hier spielt die Zukunft!“ vielleicht am wirksamsten und nachhaltigsten – für Publikum, Komponisten, Musiker und letztendlich für die Musik selbst.

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